Die Geliehene Zeit
daß man sie mahlt wie Getreide, Mistress Murray«, erwiderte Jamie höflich.
»Ach so?« Die Frau schielte skeptisch in den Korb. »Was macht man denn dann damit?«
»Tja, man...«, begann Jamie und stutzte dann. Mir fiel ein, daß er zwar in Frankreich Kartoffeln gegessen, jedoch nie gesehen hatte, wie sie zubereitet wurden. Ich verkniff mir ein Grinsen, als er hilflos auf die schmutzverkrustete Kartoffel in seiner Hand blickte. Ian schaute ebenfalls verlegen drein; offenbar äußerte sich Sir Walter nicht zum Thema Kartoffelzubereitung.
»Man röstet sie.« Wieder war es Fergus, der das rettende Wort sprach; sein Kopf spitzte hinter Jamies Ellbogen hervor. Er leckte sich die Lippen beim Anblick der Kartoffeln. »Man legt sie ins Feuer. Sie werden mit Salz bestreut gegessen. Auch Butter paßt gut dazu, wenn man welche hat.«
»Die haben wir«, erwiderte Jamie erleichtert. Er reichte Mrs. Murray die Kartoffel, als ob er sie so schnell wie möglich loswerden wollte. »Sie haben es gehört, sie werden geröstet«, sagte er.
»Man kann sie aber auch kochen«, fügte ich hinzu. »Oder zu Brei zerdrücken und mit Milch verrühren. Oder braten. Oder reiben und als Suppeneinlage verwenden. Ein äußerst vielseitiges Gemüse, die Kartoffel.«
»Das steht auch im Buch«, murmelte Ian zufrieden.
Jamie sah mich an und verzog die Mundwinkel zu einem leichten Grinsen.
»Du hast mir nie gesagt, daß du kochen kannst, Sassenach.«
»Kochen ist zuviel gesagt«, erwiderte ich, »aber Kartoffeln kann ich schon zubereiten.«
»Gut.« Jamie blickte in die Runde der Pächter und ihrer Frauen, die die Kartoffeln von Hand zu Hand weiterreichten und skeptisch beäugten. Dann klatschte er laut in die Hände, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.
»Holt Holz für ein Feuer, Tom und Willie. Und Mrs. Willie, wenn Sie so freundlich wären, Ihren großen Kessel zu holen? Aye, das ist gut, einer der Männer soll Ihnen dabei helfen. Und du, Kincaid«, - er wandte sich an einen der jüngeren Männer und deutete zu den Katen unter den Bäumen, »geh und sag es allen: es gibt Kartoffeln zum Abendessen!«
Und so bereitete ich - mit Jennys tatkräftiger Hilfe und unter Zuhilfenahme von zehn Eimern Milch aus der Molkerei, drei frisch geschlachteten Hühnern und vier Dutzend Lauchstangen aus dem Gemüsegarten - eine Hühnersuppe mit Lauch und geröstete Kartoffeln für den Gutsherrn von Lallybroch und seine Pächter.
Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, als das Essen fertig war, doch der Himmel war noch hell. Durch die dunklen Zweige des Kiefernwäldchens auf dem Hügel blitzten rote und goldene Lichtstreifen. Die Pächter waren noch etwas unschlüssig angesichts der bevorstehenden Bereicherung ihres Speiseplans, aber die gesellige Stimmung-sowie ein Fäßchen mit selbstgebranntem Whisky - half, die Zweifel zu überwinden. Bald waren überall auf dem freien Feld neben dem Kartoffelacker Grüppchen versammelt, die sich über die gefüllten Teller auf ihren Knien beugten und aßen.
»Was meinst du, Dorcas?« hörte ich eine Frau zu ihrer Nachbarin sagen. »Schmeckt ein klein bißchen seltsam, was?«
Die Angesprochene nickte und schluckte einen Bissen hinunter, bevor sie antwortete.
»Aye, finde ich auch. Aber der Gutsherr hat schon sechs oder sieben von den Dingern gegessen, und es hat ihn noch nicht umgebracht.«
Die Männer und die Kinder hingegen reagierten begeistert, wohl nicht zuletzt wegen der großzügig bemessenen Butterrationen.
»Männer würden sogar Pferdeäpfel essen, wenn man sie mit Butter serviert«, bemerkte Jenny. »So sind sie eben! Ein voller Bauch und ein Platz zum Schlafen, wenn sie betrunken sind, mehr verlangen sie gar nicht vom Leben.«
»Ein Wunder, daß du dich mit Jamie und mir überhaupt abgibst«, feixte Ian, als er das hörte, »wenn ich sehe, was du für eine Meinung von Männern hast.«
Jenny winkte ihrem Mann und ihrem Bruder, die nebeneinander beim Kessel saßen, geringschätzig mit der Suppenkelle zu.
»Ach, ihr beiden seid doch keine Männer.«
Ian und Jamie zogen die Augenbrauen hoch.
»Ach? Was sind wir denn dann?« fragte Ian.
Jenny wandte sich ihm mit einem Lächeln zu; ihre Zähne blitzten im Schein des Feuers. Sie tätschelte Jamies Kopf und drückte Ian einen Kuß auf die Stirn.
»Ihr seid meine beiden«, erwiderte sie.
Nach dem Essen begann einer der Männer zu singen. Ein anderer holte eine Holzflöte hervor und begleitete ihn mit einer Melodie, die dünn und
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