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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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schrill die kalte Herbstnacht durchdrang. Es war kühl, aber windstill; eingewickelt in Tücher und Decken, saßen die Familien in kleinen Gruppen behaglich um das Feuer. Nachdem das Essen gekocht war, hatte man mehr Holz aufs Feuer geworfen, und die Flammen loderten hell in der Nacht.
    Auch in unserer Gruppe war es warm, wenn auch ein wenig unruhig. Ian war Holz holen gegangen; die kleine Maggie kuschelte sich an ihre Mutter und beanspruchte sie ganz für sich allein, so daß ihr größerer Bruder sich anderswo Schutz und Wärme suchen mußte.
    »Ich stecke dich gleich kopfüber in den Kessel dort, wenn du nicht aufhörst, mich in die Eier zu treten«, sagte Jamie zu seinem Neffen, der sich im Schoß seines Onkels heftig hin und her warf. »Was ist denn los mit dir - hast du Ameisen im Hintern?«
    Auf diese Frage erntete Jamie nur ein entzücktes Kichern von seinem Neffen, der sich nun noch nachdrücklicher im Schoß seines Onkels vergrub. Jamie tastete umher und zwickte seinen Namensvetter immer wieder in Arme und Beine; dann packte er ihn und wirbelte ihn mit einem Ruck herum. Mit einer Hand hielt er den Kleinen fest, mit der anderen tastete er am Boden umher. Schließlich
riß er mit zufriedenem Brummen eine Handvoll feuchtes Gras aus und stopfte es dem kleinen Jamie, der vor Freude quietschte, in den Hemdkragen.
    »Jetzt ist es aber genug«, meinte Jamie und setzte den Kleinen vor sich auf den Boden. »Geh und traktier deine Tante ein bißchen.«
    Der kleine Junge folgte willig, krabbelte auf allen vieren zu mir herüber und schmiegte sich in meinen Schoß. Er saß so ruhig, wie es einem vierjährigen Jungen möglich war - das heißt, er hielt nicht besonders still -, während ich die Grasbüschel aus seinem Hemd fischte.
    »Du riechst gut, Tante«, sagte er und stieß mit seinem schwarzen Lockenkopf gegen mein Kinn. »Nach Essen.«
    »Danke«, sagte ich. »Soll ich dem entnehmen, daß du Hunger hast?«
    »Aye. Gibt es noch Milch?«
    »Ja.« Wenn ich die Hand ausstreckte, konnte ich gerade eben den Milchkrug erreichen. Ich schüttelte ihn, und da es sich nicht lohnte, für den Rest eigens eine Tasse zu holen, neigte ich den Krug und ließ den Kleinen daraus trinken.
    Nachdem er auch den letzten Tropfen Milch getrunken hatte, entspannte sich der kleine Jamie und gab einen leisen Rülpser von sich. Ich spürte die Wärme, die von ihm ausging; gleich würde er einschlafen. Ich schlang meinen Umhang fest um ihn, schaukelte ihn sanft hin und her und summte leise die Melodie des Liedes, das drüben auf der anderen Seite des Feuers gesungen wurde.
    »Ist er eingeschlafen?« erkundigte sich der große Jamie neben mir. Im Schein des Feuers leuchtete sein Haar kupferrot, und der Schaft seines Dolches glitzerte.
    »Ja«, erwiderte ich. »Jedenfalls windet er sich nicht mehr. Es ist beinahe so, als hielte man einen großen Schinken im Arm.«
    Jamie lachte, dann verstummte auch er. Sein Arm streifte den meinen, und durch das Plaid hindurch spürte ich die Wärme seines Körpers.
    Ein Windstoß wirbelte mir eine Haarsträhne ins Gesicht. Ich strich sie zurück, dann entdeckte ich, daß der kleine Jamie recht hatte. Meine Hände rochen nach Lauch, Butter und Kartoffeln. Der Kleine war bleischwer und behinderte die Blutzirkulation in meinem linken Bein. Ich drehte mich ein wenig zur Seite, um ihn auf meinen Schoß gleiten zu lassen.

    »Beweg dich nicht, Sassenach«, flüsterte Jamie. »Nur noch einen Augenblick, mo duinne.«
    Ich erstarrte gehorsam, bis er mich an der Schulter berührte.
    »Ist gut, Sassenach«, flüsterte er zärtlich. »Du bist so schön, wenn das Feuer auf dein Gesicht scheint und dein Haar im Wind weht. Dieses Bild will ich in meiner Erinnerung festhalten.«
    Ich drehte mich zu ihm hin und lächelte ihn über das schlafende Kind hinweg an. Die Nacht war dunkel und kalt; viele Menschen tummelten sich am Feuer, aber an dem Platz, wo wir saßen, gab es nur Licht und Wärme - und uns beide.

33
    Deines Bruder, Hüter
    Fergus hatte sich nach anfänglicher Scheu und Zurückhaltung auf dem Gutshof eingelebt und übernahm, zusammen mit dem jungen Rabbie MacNab, die Aufgaben eines Stallburschen.
    Rabbie war ein, zwei Jahre jünger als Fergus, jedoch genauso groß wie der schmächtige französische Junge, und bald waren die beiden unzertrennliche Freunde, außer wenn sie Streit bekamen - was zwei- bis dreimal pro Tag geschah - und eine Rauferei anfingen. Eines Morgens, als ihr Streit in eine regelrechte Schlägerei

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