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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Flecken hie und da.«
    »Als wir ein paar Kilometer hinter dem Dorf den Abhang hinunterkamen - wir haben die Pferde am Zügel geführt, weil der Weg schlecht war -, ist Ian in ein Maulwurfsloch geraten und hat sich das Bein gebrochen«, erklärte Jamie.
    »Das Holzbein«, fügte Ian erläuternd hinzu. Er grinste verlegen. »Der Maulwurf kam bei der Sache am besten weg.«
    »Und dann sind wir so lange in einer Kate in der Nähe geblieben, bis sein neues Bein fertig war«, fuhr Jamie fort. »Können wir jetzt essen? Mein Magen hat schon ein Loch.«
    Wir gingen ins Haus. Mrs. Crook und ich trugen das Abendessen auf, während Jenny Ians Gesicht mit Zaubernußsud betupfte und sich besorgt nach weiteren Verletzungen erkundigte.
    »Es ist nichts weiter«, beruhigte er sie. »Nur hie und da ein paar blaue Flecken.« Doch beim Hineingehen war mir aufgefallen, daß er stärker als sonst humpelte. Während wir den Tisch abräumten, sprach ich mit Jenny darüber. Als der Inhalt der Satteltaschen verstaut war und wir im Salon saßen, kniete sie neben Ian auf dem Teppich nieder und nahm das Holzbein in die Hand.
    »Nimm es ab«, sagte sie entschlossen. »Du hast dich verletzt, und ich möchte, daß Claire es sich einmal ansieht. Sie kennt sich besser aus als ich.«
    Sein Bein war vor Jahren mit großem Geschick und noch größerem Glück amputiert worden; dem Militärwundarzt, der den Unterschenkel abgenommen hatte, war es gelungen, das Kniegelenk zu
retten, wodurch Ian sich verhältnismäßig ungehindert bewegen konnte. Doch im Moment war das Kniegelenk mehr eine Belastung als ein Vorteil.
    Durch den Sturz war es böse verrenkt. Der Beinstumpf war voller blauer Flecken, und die harten Kanten des Holzbeins hatten sich ins Fleisch gebohrt. Schon allein deshalb mußte es höllisch weh tun, das Bein zu belasten. Doch da zudem das Kniegelenk ausgerenkt war, hatte sich das Bein entzündet und war angeschwollen.
    Ians gutmütiges Gesicht war fast so rot wie das Kniegelenk. Er ging mit seiner Behinderung sehr sachlich um, doch ich wußte, wie sehr er seine Hilflosigkeit haßte. Das Gefühl, auf andere angewiesen zu sein, war ihm ebenso unangenehm wie meine Berührung seines Beins.
    »Du hast einen Bänderriß«, erklärte ich und fuhr die Schwellung seines Knies sanft mit dem Finger nach. »Ich weiß nicht, wie schlimm es ist, aber es ist schlimm genug. Im Gelenk hat sich Flüssigkeit angesammelt; deshalb ist es geschwollen.«
    »Kannst du ihm nicht helfen, Sassenach?« Jamie sah mir über die Schulter und runzelte sorgenvoll die Stirn.
    Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht viel mehr machen als kalte Umschläge, damit die Schwellung zurückgeht.« Ich sah Ian an und bemühte mich, Mutter Hildegardes strengen Blick nachzuahmen.
    »Was du tun kannst«, sagte ich, »ist, im Bett zu bleiben. Du kannst morgen Whisky trinken, um den Schmerz zu betäuben; für die Nacht gebe ich dir Laudanum, dann kannst du wenigstens schlafen. Du mußt eine Woche im Bett bleiben, dann sehen wir weiter.«
    »Das ist unmöglich«, protestierte Ian. »Die Stallwände müssen ausgebessert werden, die Pflugscharen müssen geschliffen werden und...«
    »Und ein Bein muß repariert werden«, sagte Jamie streng. Er blickte Ian mit seinem - wie ich es nannte - Gutsherrenblick an, dem durchdringenden Blick aus seinen blauen Augen, der meist bewirkte, daß seine Befehle unverzüglich befolgt wurden. Ian, der als Kind mit Jamie gespielt hatte, mit ihm auf die Jagd gegangen war, Seite an Seite mit ihm gekämpft und mit ihm Prügel bezogen hatte, war weitaus weniger empfänglich für derartige Drohgebärden als andere.
    »Den Teufel werd’ ich«, erwiderte er mit matter Stimme. Seine
feurigen braunen Augen, in denen Schmerz, Wut und ein mir unbekanntes Gefühl zum Ausdruck kamen, hielten Jamies strengem Blick stand. »Glaubst du etwa, du kannst mir Befehle erteilen?«
    Jamie ging in die Hocke und errötete, als ob er geschlagen worden wäre. Nach kurzem Schweigen sagte er ganz ruhig: »Nein. Ich will dir keine Befehle erteilen. Aber - darf ich dich wenigstens bitten, auf dich achtzugeben?«
    Die beiden wechselten einen langen Blick, dessen Botschaft ich nicht entziffern konnte. Schließlich ließ Ian die Schultern sinken und nickte mit einem gequälten Lächeln.
    »Du darfst.« Er seufzte und rieb sich die Wange; als er die wunde Stelle berührte, zuckte er zusammen. Dann holte er tief Luft, nahm seine ganze Kraft zusammen und streckte Jamie die Hand entgegen.

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