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Die Herrin Thu

Die Herrin Thu

Titel: Die Herrin Thu Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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„Ich schwöre bei Thot, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Sprich mit Kamen, wenn du möchtest.“
    „O ja“, sagte er bedächtig. „Und ich tue, worum du mich bittest. Danach soll der Herr entscheiden. Natürlich braucht die Herrin Takhuru weibliche Gesellschaft, während sie hier bei uns ist. Leider haben die Frauen ihre Leibdienerinnen mit nach Fayum genommen. Ich lasse eine von den Hausdienerinnen holen, die soll sich um sie kümmern.“ Er sah mich an und legte die Stirn in Falten. „Das ist eine furchtbare Geschichte, Kaha“, meinte er. „So viel Schlechtigkeit, falls sie stimmt.“ Ich atmete erleichtert auf. Er hatte angebissen.
    „Danke, Pa-Bast“, sagte ich.
    Damit trennten wir uns; er, um mit Kamen zu reden und die Diener zu ermahnen, die jetzt gerade vom Strohsack aufstanden, ich, um in mein Zimmer zu gehen. Bis morgen früh die üblichen Botschaften eintrafen, gab es wenig für mich zu tun, dann würde ich mich vergewissern, daß die gesamte Korrespondenz für Mens Heimkehr auf dem laufenden war. Nachdem ich mich ausgezogen hatte, legte ich mich erschöpft auf mein Lager. Ich dachte an Thu, die mittlerweile in den Menschenmassen auf den Märkten der Stadt untergetaucht sein durfte. Eine gewisse Zeit lang würde sie nicht auffallen. Ich hätte gern gewußt, ob sie bereits von amtlicher Seite gesucht wurde. Falls es sich so verhielt, dann würden sie nicht nur Paiis’ Soldaten jagen. Wo würde sie schlafen? Was würde sie essen? Und was war, wenn das Ganze vergebens war? Was war, wenn sich die Götter ihrer noch nicht erbarmt hatten, wenn sie noch nicht genug gesühnt hatte? Man sagte, ein Mensch, dem die Götter nicht wohlgesonnen seien, könne sich ausleben. Dann mußten sie Thu sehr zugetan sein, denn die hatte ihr Verbrechen viele, viele Male gesühnt. Waren sie ihr so wohlgesonnen, daß sie sterben mußte, von unbekannter Hand in einer dunklen Gasse gemeuchelt? Kaha, das ist Unfug, ermahnte ich mich streng und betete rasch und leise zu Thot, erflehte seinen Schutz für uns alle und schlief ein.
    Die langen, bänglichen Abendstunden verbrachte ich in Kamens Zimmer mit Takhuru. Pa-Bast hatte eine schüchterne Hausdienerin abgestellt, die sich um sie kümmern sollte. Das Mädchen versank in Ehrfurcht vor ihrer vornehmen Herrin, war linkisch und lächelte abbittend, doch das mußte man Takhuru lassen, sie ertrug ihre Unbeholfenheit gutgelaunt. Der Haushofmeister hatte Anweisung erteilt, daß Nesiamuns Tochter immer Gesellschaft haben mußte, daher bot sich uns dreien keine Gelegenheit, über Persönliches zu reden.
    Das verspätete Abendessen wurde in Kamens Zimmer aufgetragen. Die beiden luden mich ein, ihnen Gesellschaft zu leisten. Das Mädchen wartete seiner neuen Herrin auf, und nachdem das geschehen war, zog sie sich eingedenk der Ermahnung des Haushofmeisters in eine Ecke zurück und beobachtete uns großäugig. Unsere Unterhaltung war sprunghaft und harmlos. Wir waren allesamt bedrückt und verfielen immer wieder in Schweigen, wobei Kamen und ich in unsere Becher blickten und Takhuru mit den Steinen eines Brettspiels herumspielte, das Pa-Bast ihr zum Zeitvertreib beschafft hatte. Kamen sah sehr müde aus. Unter seinen Augen lagen Schatten, und er war blaß um die Nase. Zweifellos weilten seine Gedanken bei seiner Mutter, während sich die Nacht herabsenkte.
    Ich ging gerade die dunkle Treppe zu meinem eigenen Zimmer hinunter, als ich Pa-Bast mit einem Mann in Nesiamuns Dienertracht reden sah, der auf der Schwelle des Hauses stand. Ich durchquerte die Eingangshalle und gesellte mich zu ihnen. Ein Diener hielt eine Lampe hoch. Die beiden drehten sich zu mir um. „Der Edle Nesiamun läßt nachfragen, wo seine Tochter ist“, erklärte Pa-Bast rasch. Sein Gesicht war eine Maske höflicher Besorgnis. „Sie ist seit dem frühen Nachmittag verschwunden. Da der Sohn dieses Hauses auch verschwunden ist, bittet der Edle Nesiamun um Nachricht von den beiden und zweitens um den schnellstmöglichen Besuch unseres Gebieters nach dessen Rückkehr.“ Die Hand des Dieners zitterte, und die Lampe flackerte heftig. Ich warf ihm einen warnenden Blick zu.
    „Wir machen uns alle furchtbare Sorgen um Kamen“, antwortete ich. „Diese Nachricht ist ja entsetzlich. Hat Nesiamun die Behörden benachrichtigt?“
    „Das hat er auf der Stelle getan“, sagte der Mann. „Er hat auch seinem Freund, General Paiis, eine Nachricht geschickt, und der hat versprochen, daß er all seine Soldaten auf die Suche nach

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