Die Herrin Thu
über die Köpfe der Diener hinweg, die noch immer einen Strom von Reisegepäck hereinschafften, scharf zu sich. Ich griff mir meine Palette, ehe ich nach unten ging. Die klemmte ich mir fest unter den Arm, bahnte mir einen Weg durch den Tumult, und dann betraten wir das vergleichsweise stille Arbeitszimmer. Kamen folgte mir.
Men musterte sein Allerheiligstes mit gewohnt kritischem Blick. Um seine Augen bildeten sich Fältchen, als er uns zum Platznehmen aufforderte, Kamen auf dem Stuhl, mich mit gekreuzten Beinen auf dem mir zustehenden Platz auf dem Fußboden neben ihm. „Nun?“ sagte er und ließ sich offensichtlich zufrieden auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder. „Müssen wir vor dem
Essen noch etwas Wichtiges besprechen, Kaha? Hast du schon von der Karawane gehört? Und du, Kamen, hast du bessere Laune als bei meiner Abreise?“ Kamen nickte mir zu, und ich berichtete rasch. Men lauschte aufmerksam, knurrte gelegentlich, tat manches mit einer Handbewegung ab, was bedeutete, ich könne mit anderen Dingen fortfahren.
„Ich habe Berichte von meinem Aufseher in Fayum mitgebracht. Sie handeln von den Feldfrüchten, die ich anbauen möchte und der veranschlagten Ernte aufgrund der Höhe der diesjährigen Überschwemmung“, sagte er. „Die kannst du morgen für mein Archiv hier abschreiben. Shesira hat mir wegen des Springbrunnens zugesetzt. Bitte, Kaha, treibe einen ordentlichen Steinmetz auf und schicke ihn nach Süden, damit er ihn instand setzt. Ich meinerseits würde ihn lieber herausreißen und statt dessen einen Fischteich ausheben lassen. Die Fliegen in Fayum sind eine Plage. Außerdem kannst du dem Seher schreiben und ihm mitteilen, daß die von ihm angeforderten Kräuter mit der Karawane eintreffen dürften. Er muß sich noch gedulden. Sonst noch etwas?“ Ich blickte zu Kamen hoch. Der hatte die Arme verschränkt und schluckte, als hätte er einen Kloß im Hals.
„Ja, Vater“, sagte er, „aber ich denke, du solltest erst baden und essen, ehe du mich anhörst.“
„Eine ernste Sache, ja?“ sagte Men und zog die buschigen Brauen hoch. „Ich würde sie mir lieber jetzt anhören und dann das Essen genießen. Hat Paiis dich entlassen?“
„Nein.“ Kamen stockte. Dann löste er die Arme und stand auf. Er ging zum Regal und hob die kleine, aufwendig verzierte Truhe heraus, in der Men seine Privatpapiere aufbewahrte. Die stellte er auf den Tisch und beugte sich darüber. „Es geht um die Rolle hier drinnen“, sagte er, „aber ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll. Takhuru ist hier, Vater.“
„Was, hier? In diesem Haus? Aber Kamen, warum hat sie uns nicht begrüßt? Bleibt sie und speist mit uns zu Abend?“
„Nein, sie hat die Nacht in Mutters Räumen verbracht. Sie schwebt in Lebensgefahr. Ich auch. Paiis jagt uns. Wir...“ Men hielt abwehrend die Hand hoch.
„Setz dich!“ befahl er. „Kaha, geh und hole Takhuru nach unten, und dann suche nach Pa-Bast und sag ihm, daß er nicht auftragen soll, ehe ich ihm Bescheid sage. Er soll uns aber sofort einen Krug Wein bringen.“
„Kaha muß zugegen sein“, sagte Kamen. „Er ist Teil der Geschichte.“ Men blickte ihn mit großen Augen an.
„Mein Schreiber? Mein Diener? Geht in diesem Haus während meiner Abwesenheit denn gleich alles drunter und drüber? Kaha, du tust, was ich dir sage.“ Ich stand auf, verbeugte mich und verließ den Raum.
Takhuru wartete still neben Kamens Lager, und zusammen gingen wir hinunter. Glücklicherweise begegneten wir niemandem. Aus dem Badehaus waren Frauenstimmen und Wassergeplätscher zu hören. Nachdem ich an die Tür des Arbeitszimmers geklopft und sie dem Mädchen geöffnet hatte, machte ich mich auf die Suche nach Pa-Bast und brachte dann den Wein eigenhändig ins Zimmer.
Kamen sprach ununterbrochen, erzählte die Geschichte, die ich so gut kannte. Er hatte Takhuru seinen Stuhl überlassen, und sie saß kerzengerade und mit blassem Gesicht da. Ehe ich mich auf meinen gewohnten Platz auf dem Fußboden hockte, schenkte ich Wein ein. Men leerte den Becher mit einem Zug und streckte ihn mir zum Nachschenken hin. Seine Augen folgten Kamen, der das Zimmer durchmaß. Als Kamen endlich ausgeredet hatte und vor seinem Vater stehenblieb, war der Krug leer.
Eine lange Zeit sagte Men gar nichts. Seine Hände lagen gefaltet auf dem Schreibtisch, sein Gesicht war ausdruckslos, doch ich wußte, daß er rasch und gründlich nachdachte. Dann strich er sich mit einer bedächtigen, vertrauten
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