Die Herrin Thu
gegen die Bestimmungen ihrer Verbannung verstoßen?“ Ihre Blicke trafen sich, und sie sahen sich unverwandt an. Nesiamun wich und wankte nicht, doch seine Anspannung ließ nach.
„Mit deiner wilden Entschlossenheit kannst du jeden herumbekommen“, sagte er ergeben. „Also gut. Ich bitte auf der Stelle mit der von dir vorgeschlagenen Ausrede um eine Audienz. Falls du lügst oder mich in die Irre führst, trage ich keinerlei Verantwortung für die Folgen. Denk heute Abend an deine Mutter, Takhuru, und den Schmerz, den du ihr zufügst, denn vermutlich darf ich ihr noch nicht von dieser Unterredung berichten. Gute Nacht, Men.“ Er wartete Mens Verneigung nicht ab, sondern verließ brüsk das Zimmer. Wir blickten uns an.
„Nur keine Angst“, sagte Takhuru. Ihre Stimme zitterte. „Er ist verärgert und verwirrt, aber hätte er uns nicht geglaubt, er hätte uns die Bitte rundweg abgeschlagen und mich mit Gewalt nach Hause geschleppt. Er hält Wort.“
Ich bezweifle, daß in dieser Nacht einer von uns viel geschlafen hat. Kamen lag auf einer Matte vor Shesiras Zimmer. Shesira hatte keine Fragen gestellt, als Men ihr gesagt hatte, daß Takhuru ihre Räume teilen würde. Mutemheb hatte große Augen gemacht und ihren Bruder belustigt angeschaut, ehe sie ihr eigenes Reich aufsuchte, und Tamit, die nach einem langen Tag auf dem Fluß müde und quengelig war, hatte sich ohne Protest zu Bett schicken lassen. Men befahl Pa-Bast, zwei der Gärtner zum Haupttor zu schicken, die alle Besucher, außer einen Boten Nesiamuns, abzuweisen hatten, und er selbst setzte sich an die Haustür. Er sagte zwar nichts, doch ich konnte ihm ansehen, daß er bedauerte, keine Soldaten in seinen Diensten zu haben. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, wälzte mich jedoch ruhelos auf dem Lager, während meine Gedanken wieder einmal um Thu kreisten.
Von Nesiamun kam am nächsten Morgen keine Nachricht. Mit der Rückkehr der Familie schüttelte das Haus seine schläfrige Ruhe ab. Men war kurz nach der Morgendämmerung in seinem Arbeitszimmer, und ich kauerte auf meinem gewohnten Platz neben dem Schreibtisch zu seinen Füßen. Selbst bei geschlossener Tür und obwohl mein Arbeitgeber mit kräftiger Stimme diktierte, konnte ich die wunderbar tröstlichen Geräusche des Alltagslebens hören. Tamits kindlich schrille Stimme wehte die Treppe herunter, sie begehrte wortreich und unverständlich gegen irgend etwas auf, beruhigte sich jedoch allmählich bei den beschwichtigenden Worten ihrer Mutter. Ein wenig später zwitscherte Mutemheb melodiös, plauderte fröhlich, und ihre Sandalen platschten durch die Eingangshalle. Vermutlich verlor sie keine Zeit, ihre Freundinnen einzuladen, die sie mit dem Klatsch wieder aufs laufende bringen sollten. Pa-Bast rügte einen Diener. Im Inneren des Hauses ließ jemand etwas fallen, man hörte ein gedämpftes Krachen und Fluchen. Die Räume waren wieder voller Leben, gesundem Alltagsleben, doch ich wußte, daß das ganze muntere Treiben nur äußerlich war. Darunter herrschte blinde Ungewißheit.
Es fiel mir schwer, mich auf die Worte meines Gebieters zu konzentrieren, und auch ihm gelang es kaum, seine Gedanken auf seine Geschäfte zu sammeln. Einmal hielt er beim Diktieren mitten in einem Satz inne und blickte zu mir herunter. „Er hat diese Frau immer Mutter genannt“, sagte er. „Ist dir das auch aufgefallen? Wie auch immer diese Tragödie ausgeht, nichts ist mehr, wie es war. Bald muß ich Shesira ins Bild setzen. Kamen und Takhuru sind oben, haben sich wie zwei in die Enge getriebene Tiere eingeschlossen. Warum hat Nesiamun keine Nachricht geschickt?“ Ich legte die Schreibbinse auf die Palette.
„Sie ist seine Mutter, Gebieter“, antwortete ich. „Du hättest ihm seine Abkunft offen legen sollen, ehe er selbst alles herausgefunden hat. Er verspürt für sie einen zornigen Beschützerinstinkt und gegen dich eine andere Art Zorn, weil du ihn angelogen hast. Aber eines Tages wird er merken, daß er auch Shesira liebt. Denn an sie wird er sich erinnern, nicht an Thu.“ Men strich sich ratlos mit der Hand über den Nacken und zupfte gedankenverloren an seinen schütteren grauen Haarbüscheln.
„Vermutlich hast du recht“, meinte er. „Ich wollte, daß er ohne Einbildung und falsche Träume aufwächst, aber das ist wohl verkehrt gewesen. Diese Warterei ist unerträglich! Wo war ich stehengeblieben?“ Wir machten mit dem Diktat weiter, doch er hatte den Faden verloren, entließ mich schließlich und
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