Die Herrin Thu
verschwand im Inneren des Hauses.
Ich nahm nicht am Mittagsmahl teil, aber ich suchte auch mein Lager nicht zur Mittagsruhe auf, sondern ging hinaus in den Garten, legte mich rücklings ins Gras und sah den Vögeln zu, wie sie über meinem Kopf vor dem grenzenlosen Blau des Himmels hin- und herflitzten. Ich fand die Warterei auch unerträglich, wollte zum Palast rennen, mich an Wachtposten und Höflingen vorbeidrängen, mich dem Prinzen zu Füßen werfen, mit meiner Geschichte herausplatzen und ein rasches Ende machen. Damit zerstörte ich meine Laufbahn als Schreiber noch gewisser als Kamen seine militärische Zukunft, als er in Aswat ein derartiges Risiko einging. Falls er sich rechtfertigen konnte, würde er bei seinem Halbbruder, dem Prinzen, hoch in Gunst stehen, doch die Laufbahn eines Schreibers baute auf Vertrauen, und ich hatte meinen ehemaligen Gebieter verraten. Würde Men weiterhin Verwendung für mich haben? Und falls nicht, würde Kamen mich in seinen neu gegründeten Hausstand aufnehmen, wie ich es mir insgeheim erhoffte? Solcherlei Gedanken mochten zwar unwürdig sein, doch die Welt ringsum schien sie widerzuspiegeln. Das Gras unter mir piekste allmählich, und das Blättergeflatter tat mir in den Augen weh. Ich hatte keine Familie, in deren Schoß ich zurückkehren, keine Ehefrau, der ich mich anvertrauen konnte. Ich war der Familie hier auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und damit letzten Endes allein.
Doch gegen Abend kam endlich eine Nachricht von Nesiamun. Der Prinz wollte ihn in Sachen seiner verschwundenen Tochter empfangen, er sollte sich am kommenden Morgen im Palast einfinden. Ich versperrte dem Boten den Weg, als er wieder ging. „Weiß sonst noch jemand von dieser Aufforderung?“ fragte ich ihn. Er blickte ratlos.
„Nur der Schreiber meines Gebieters und der stellvertretende Oberaufseher der Fayence-Werkstätten“, sagte er. „Die waren gerade zugegen, als der Herold vom Palast kam. Ach, und natürlich General Paiis, der war auch da. Er verbringt letztens viel Zeit bei meinem Gebieter. Er macht sich große Sorgen um das Wohlergehen der Familie.“
„Hat er hinsichtlich der Nachricht vom Prinzen etwas geäußert?“
„Nur seine Freude zum Ausdruck gebracht, daß mein Gebieter sich umgehend an den Palast gewandt hat. Er ist ein guter Freund meines Gebieters und hat viele Soldaten losgeschickt, damit sie bei der Suche nach der Herrin Takhuru helfen.“ Ich dankte dem Boten und ließ ihn gehen. Es war sinnlos, sich über dieses Pech auch noch aufzuregen. Ich konnte nur hoffen, daß Nesiamun nach längerem Überlegen unsere Geschichte nicht auf die leichte Schulter genommen und sich nicht von Paiis’ Silberzunge zu einem offenen Wort hatte verleiten lassen. Nesiamun war geradeheraus und wurde bei Ausflüchten leicht ungeduldig, und Paiis war scharfsichtig. Es war möglich, daß Nesiamun zwar alles für sich behielt, der General aber dennoch bei seinem alten Freund ein Zögern bemerkte, ein Unbehagen. Falls das so war, was würde Paiis unternehmen? Würde er die Wahrheit erraten?
Die Antwort kam brutal schnell. Die Familie beendete gerade das Abendessen, als in der Eingangshalle ein Aufruhr entstand. Wir eilten hinaus, und da wimmelte es von Soldaten, und einer von Mens Gärtnern saß an der Haustür und hielt sich die blutende Schläfe. Men sah nur einmal hin und sagte an die Mädchen gewandt: „Tamit, Mutemheb, geht nach oben. Auf der Stelle!“ Ich erhaschte einen Blick auf ihre erschrockenen Mienen, dann taten sie, was er ihnen befohlen hatte.
„Tut mir leid, Gebieter“, ächzte der Gärtner. „Ich habe mich bemüht, sie aufzuhalten.“ Das Blut rann ihm jetzt die Wange hinunter und durchtränkte den Kragen seines Kittels.
„Das hast du gut gemacht“, sagte Men ruhig. „Sei bedankt. Shesira, führe ihn fort, und kümmere dich um seine Wunde.“ Mens Frau kam näher und wollte aufbegehren.
„Aber, Men.“ fing sie an. Doch er schnitt ihr das Wort ab.
„Jetzt, Shesira, bitte“, sagte er noch immer in diesem gelassenen, ruhigen Ton, den die Mitglieder seines Haushalts als Anzeichen allergrößten Ärgers kannten. Shesira machte den Mund wieder zu. Sie legte den Arm um den Gärtner und führte ihn fort. Pa-Bast und ich drängten uns aneinander. „Sagt, was ihr hier wollt“, verlangte Men. Der Offizier trat vor und streckte ihm eine Rolle hin. Men nickte mir kühl zu, und ich übernahm sie.
„Ich bin gekommen, deinen Sohn Kamen zu verhaften, ihm wird Entführung
Weitere Kostenlose Bücher