Die Herrin Thu
vorgeworfen“, sagte der Mann, dem das Ganze sichtlich peinlich war. „Und ehe du nachfragst, Prinz Ramses höchstpersönlich hat mich damit beauftragt.“
„Unmöglich!“ rief Men, doch ich entrollte den Papyrus und las ihn rasch. Er war mit dem königlichen Siegel versehen.
„Er hat recht, Gebieter“, sagte ich und reichte ihm den empörenden Papyrus. Men überflog ihn. Seine Hände zitterten.
„Wer hat die Anklage vorgebracht?“ wollte er wissen. „Sie ist einfach lächerlich! Was hält Nesiamun davon?“
„Es war keineswegs der Edle Nesiamun, der daraufgedrängt hat“, sagte der Offizier. „General Paiis hat sich nach einem Besuch bei Nesiamun mit dem Prinzen darüber unterhalten. Der General hegt den starken Verdacht, daß die Herrin Takhuru hier festgehalten wird.“
„Wo sind deine Beweise?“ fuhr Men dazwischen. „Du darfst nicht allein auf einen Verdacht hin verhaften!“
„Für eine Hausdurchsuchung brauchen wir keine Beweise“, beharrte der Mann. „Falls du deinen Sohn nicht herausgibst, suchen wir selbst nach ihm.“ „Nein, das tut ihr nicht“, fuhr Men sie an. „Ist dir klar, daß Nesiamun in Sachen seiner Tochter vom Prinzen bereits eine Audienz bewilligt bekommen hat und sich morgen bei ihm einstellen soll? Der verdächtigt seinen künftigen Schwiegersohn nicht. Außerdem ist Kamen auch verschwunden. Bei meiner Heimkehr war er fort und meine Dienerschaft in einer mißlichen Lage. Hat Paiis nicht selbst Soldaten hier hergeschickt, weil Kamen seinen Wachtposten nicht bezogen hat? Pa-Bast!“ Der Haushofmeister nickte mit grimmig zusammengekniffenem Mund. „Siehst du? Ich weiß nicht, mit welchen Argumenten der General den Prinzen dazu bewogen hat, daß er sich dieses Übergriffs schuldig macht, und es ist mir auch einerlei. Kamen ist nicht hier. Und jetzt verlaßt mein Haus.“
Als Antwort winkte der Offizier seine Männer heran, und sie verteilten sich in der Halle. Einer legte die Hand an die Tür des Arbeitszimmers. Zwei gingen zur Treppe. Mit einem Aufschrei stürzte sich Men auf sie, und Pa-Bast stellte sich ihnen in den Weg. Der Offizier zog das Schwert.
In diesem Augenblick ertönte Kamens Stimme. Er stand am Kopf der Treppe. „Nicht, Vater, nicht! Gegen sie richtest du nichts aus! Das ist Wahnsinn!“ Er kam heruntergelaufen und blieb vor dem Offizier stehen. „Du kennst mich, Amunmose“, sagte er. „Ich bin es, Kamen, dein Kamerad. Glaubst du wirklich, ich würde die Frau entführen, die ich liebe?“ Der Mann wurde rot.
„Tut mir leid, Kamen“, murmelte er. „Ich führe nur meinen Befehl aus. Bei dem General könnte ich mich herausreden, aber mit dem Palast ist das eine andere Sache. Wie könnte ich es da wagen, nicht zu gehorchen. Wo hast du nur gesteckt? Wo ist Takhuru?“
„Hier bin ich.“ Sie kam majestätisch die Treppe heruntergerauscht, jeder Zoll empörte Edelfrau. „Was soll das Gerede von Entführung? Ich wurde nach hier eingeladen und bin auf Besuch. Das weiß mein Vater. Hat man ihn davon benachrichtigt, daß du Kamen aus seinem eigenen Haus verschleppen willst? Ich schlage vor, du gehst zum General zurück und erklärst ihm seinen Fehler. Hoffentlich erhält er vom Prinzen eine strenge Rüge.“ Sie kämpfte wacker, und ganz kurz glaubte ich, sie hätte Erfolg damit. Amunmose zögerte und war offensichtlich ratlos. Doch dann reckte er die Schultern.
„Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht“, sagte er, „aber das soll der Palast klären. Kamen, du mußt mitkommen, wenigstens so lange, bis dieser offenkundige Fehler berichtigt worden ist. Meine Befehle sind ganz eindeutig.“
„Nein!“ schrie Takhuru. „Wenn du ihn mitnimmst, bringt man ihn um. Er wird nie bis in den Palast kommen! Wohin bringst du ihn?“ Der Offizier musterte sie etwas belustigt.
„Also wirklich, Herrin“, protestierte er. „Er wird verhaftet, nicht hingerichtet. Der General hat die Erlaubnis des Prinzen, ihm ein paar Fragen zu stellen. Und was dich angeht“, schloß er mit Nachdruck, „so frage ich mich, warum man die ganze Stadt nach dir auf den Kopf stellt, wenn du hier zu Besuch bist. Geh heim zu deinem Vater.“ Er erteilte einen knappen Befehl, und schon war Kamen von bewaffneten Begleitern flankiert. Ein weiterer Befehl, und er wurde zur Haustür geführt.
„Vater, geh sofort zu Nesiamun und dann zum Palast“, rief Kamen. „Warte nicht bis morgen. Kaha, das Manuskript!“ Und schon war er fort. Wir konnten uns vor Schreck nicht rühren.
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