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Die Herrin Thu

Die Herrin Thu

Titel: Die Herrin Thu Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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Takhuru fing an zu weinen.
    „Ihr Götter, bin ich dumm“, krächzte Men. „Pa-Bast, ich unterstelle Takhuru direkt deiner Obhut. Niemand darf sie fortholen, nicht einmal Diener ihres Vaters. Kaha, hol deinen Umhang. Wir fahren mit dem Boot zu Nesiamun.“
    Ich rannte nach oben, doch ehe ich in mein eigenes Zimmer ging, um mir den Umhang zu holen, betrat ich Kamens Raum. Setau war da. „Ich brauche den Lederbeutel, den Kamen aus Aswat mitgebracht hat“, sagte ich hastig. „Hol ihn mir, Setau. Das geht in Ordnung. Er hat mich gebeten, ihn dem Prinzen zu bringen, und das will ich statt morgen früh noch heute abend tun. Ich übernehme die volle Verantwortung dafür.“
    „Kamen hat mir nichts gesagt, Kaha“, meinte Setau, doch er ging widerstrebend zu einer von Kamens Truhen und holte den Beutel heraus.
    „Er würde ihn morgen mitgenommen haben, wenn man ihn nicht verhaftet hätte“, sagte ich und nahm Setau den Beutel ab. „Vertraue mir, bitte. Und hilf Pa-Bast, Takhuru zu beschützen.“
    Rasch lief ich in mein Zimmer, griff mir einen Umhang und wickelte Thus Manuskript darin ein. Dann eilte ich nach unten.

 
Neuntes Kapitel
    Men wartete bereits draußen, auch er in einen Umhang gehüllt. „Ich habe mit Shesira gesprochen“, sagte er, als wir den Pfad entlanggingen. „Falls jemand kommt, der Takhuru mitnehmen will, wird sie im Kornspeicher versteckt, danach dürfen die Soldaten ungehindert das Haus durchsuchen. Eine schlimme Geschichte, das Ganze!“ Ich hatte ihn eingeholt und ihn beim Arm gepackt.
    „Gebieter, laß uns lieber nicht das Boot nehmen“, sagte ich. „Paiis geht ganz richtig davon aus, daß es unser nächster Zug ist. Seine Männer werden dein Tor beobachten, Nesiamuns übrigens auch, und überall an den Eingängen zum Palast treiben sich seine Soldaten herum. Wir sollten uns hinten zum Garten hinausschleichen und hinter den Anwesen entlanggehen. Setz ein paar gut vermummte Diener ins Boot und laß sie zu Nesiamuns Bootstreppe rudern, aber langsam. Und natürlich dürfen sie nicht reden.“
    „Gut. Warte hier“, hauchte er und war schon verschwunden. Binnen kurzem war er mit Setau und einem Hausdiener zurück, beide in knöchellangen Umhängen. „Haltet eure Gesichter verdeckt, bis ihr ein gutes Stück von der Bootstreppe entfernt seid“, wies er sie an. „Wenn ihr Nesiamuns Bootstreppe erreicht habt, macht ihr dort fest, aber bleibt noch ein Weilchen im Boot und tut so, als ob ihr beredet, was ihr als nächstes tun wollt. Wir sind uns nicht ganz sicher, aber wir glauben, daß General Paiis’ Leute beide Anwesen überwachen.“ Er klopfte ihnen freundschaftlich auf die Schulter, wandte sich ab, und ich folgte ihm ins Dunkel.
    Hinten im Garten stiegen wir auf den Brunnenrand, der sich dicht an der Mauer befand, stemmten uns hoch und ließen uns auf die jenseitige, mit Abfällen übersäte Gasse hinunter. Die verlief in einer Art Biegung zu dem Nadelöhr, wo der See begann, und in der anderen Richtung zu einem großen Bezirk, wo das Heer wohnte und ausgebildet wurde. Rechter und linker Hand grenzten viele vornehme Anwesen daran, doch als Verkehrsader wurde sie nicht genutzt. Sie erstickte fast in Abfall und Müll, den faule Küchendiener einfach über die Mauern warfen, und bot verwilderten Katzen Unterschlupf. Wir wandten uns nach links, denn Nesiamun wohnte in der Nähe des Nadelöhrs unweit der Fayence-Werkstätten, deren Oberaufseher er war.
    Niemand begegnete uns. Wir stahlen uns im Schatten an einem Anwesen nach dem anderen vorbei, stolperten über unbeschreiblichen Abfall und kamen nur langsam voran. Uns wollte es noch langsamer vorkommen, als es tatsächlich war, denn jede Mauer schien sich vor uns dunkel ins Unendliche zu ziehen, weil der milde Mondschein sie noch länger machte und der unebene Boden unter unseren Sandalen schwierig zu begehen war. Doch endlich blieb Men stehen und legte die Hand auf einen Lehmziegel. „Ich glaube, das hier ist es“, flüsterte er. „Irgendwann habe ich den Überblick verloren. Das hier ist mit Sicherheit ein Ast von der großen Akazie, die Nesiamun nicht fällen lassen will. Kaha, steig auf meine Schultern. Du wirst Nesiamun suchen müssen. Ich bin zu alt, um noch über Mauern zu klettern.“
    Ich legte mein kostbares Bündel am Fuße der Mauer nieder und streifte die Sandalen ab. Men bückte sich, und ich suchte mit einer Hand Gleichgewicht an der Mauer, dann zog ich mich hoch. Ich konnte den Ast, der über die Mauerkrone hing, so

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