Die Herrin Thu
eben greifen. An dem hielt ich mich fest und spähte vorsichtig in den Garten. So weit ich sehen konnte, bewegte sich nichts. Die schmalen, sich windenden Pfade waren wie graue Bänder, die sich undeutlich durch das reglose Dickicht von Busch und Baum schlängelten. Da Schnelligkeit vonnöten war, kümmerte ich mich nicht weiter um meine ungeübten, aufbegehrenden Muskeln, sondern stützte behutsam ein Knie auf die Mauerkrone. Mein Kinn schrammte über raue Ziegel. Ich stieß mich ab und purzelte in das spärliche Gras auf der anderen Seite.
Wie gern hätte ich mich einen Augenblick ausgeruht, wäre wieder zu Atem gekommen, doch das wagte ich nicht. Also stand ich auf, rannte gebückt in Deckung und schlich mich dann auf das Haus zu. Und sogleich erspähte ich den ersten Soldaten. Er stand neben dem Pfad an einen Baum gelehnt und hatte die dunkle Gebäudemasse im Auge. Es fiel mir nicht schwer, ihn in seinem Rücken zu umgehen, doch ich fürchtete mich sehr, in den nächsten hineinzulaufen. Den Eingang mied ich. Dort saßen gewißlich mehrere Soldaten unter den Säulen und weitere standen zwischen See und Nesiamuns Haus verteilt. Niemand würde das Haus auf dem Hauptweg unbemerkt verlassen können.
Schließlich berührte ich die Hauswand auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs. Aber wie hineinkommen? Ein sportlicher Mann könnte aufs Dach klettern und sich vielleicht durch einen Windfänger quetschen, doch ich trieb keinen anderen Sport, als einmal am Tag tüchtig zu schwimmen. Dieser Aufgabe war ich nicht gewachsen. Mir fiel ein, daß es eine Treppe vom Dach zu Takhurus Räumen gab, doch um die zu benutzen, mußte ich sie erst einmal erreichen. Ich schloß die Augen, und aller Mut verließ mich, doch nur kurz. Wenn ich die Hausmauer abgeschritten und keinen Weg ins Haus gefunden hatte, würde ich zu meinem Gebieter zurückkehren, mich geschlagen geben und dann versuchen, auch ohne Nesiamun für uns Einlaß in den Palast zu bekommen.
Doch als ich mich um die Ecke stahl, sah ich vor mir ein schwaches Lichtmuster. Es fiel aus einem brusthohen Fenster, dessen Binsenmatte heruntergelassen war. Zwischen den Ritzen drang mattes Licht hervor. Ich wartete und spähte in das Dunkel im Garten, konnte aber keine menschliche Gestalt ausmachen. Da setzte ich alles aufs Spiel, kletterte auf die Fensterbank und legte das Auge an einen Spalt. Ich blickte in Nesiamuns Arbeitszimmer, einen großen Raum, der sich im Dämmerlicht verlor. Mir gegenüber und so nahe, daß ich ihn hätte berühren können, stand Nesiamuns Schreibtisch.
Nesiamun selbst saß dahinter, vor ihm eine geöffnete Rolle, die er mit den Händen an der Kante festhielt, doch er las nicht. Er starrte vor sich hin. Vorsichtig prüfte mein Blick seine Umgebung. Anscheinend war er allein. In der Ferne, hinter der unsichtbaren Tür, hörte ich Gemurmel. Ich pochte an den Fensterrahmen. „Gebieter“, rief ich leise. Er bewegte sich. Ich schob die Matte beiseite. „Gebieter, ich bin es, Kaha. Kannst du mich hören?“ Eines mußte man ihm lassen, er erschrak nicht, sondern stand rasch auf und kam um den Schreibtisch herum.
„Kaha?“ sagte er. „Was schleichst du dich durch den Garten? Komm durch den Haupteingang.“
„Das geht nicht“, erläuterte ich rasch. „Dein Haus wird von Soldaten des Generals überwacht, niemand kommt hinein. Man hat Kamen wegen Entführung deiner Tochter verhaftet. Der General hat Prinz Ramses herumbekommen, daß er diesen Befehl erteilt. Wir müssen sofort in den Palast, sonst ermordet Paiis Kamen und kann dann in aller Ruhe nach seiner Mutter suchen, falls der Prinz ihm nicht Einhalt gebietet. Wir können nicht bis morgen warten.“ Nesiamun begriff die Situation sofort. Sein Blick wurde scharf.
„Wo ist Men?“
„Der wartet hinter deiner Gartenmauer auf uns. Sein Haus wird auch beobachtet. Er bittet dich, gleich mitzukommen.“ Als Antwort bückte sich Nesiamun. Ich sah, daß er sich die Sandalen zuband, und schon kletterte er durch das Fenster und stand neben mir.
Ohne weitere Worte führte ich ihn den Weg zurück, den ich gekommen war, und bedeutete ihm zu schweigen, als wir einen Bogen um den Soldaten am Pfad schlugen. Wir erreichten die große Akazie ohne Zwischenfälle, doch hier musterte er bedenklich die bedrohliche Höhe seiner eigenen Gartenmauer. „Die kann ich nicht hochklettern“, sagte er barsch. „Warte.“ Die Schatten verschluckten ihn, und ich hockte unruhig da, wollte auf einmal nichts wie weg von
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