Die Herrin Thu
hier, doch da kam er auch schon und schleppte eine Leiter herbei. Ich beeilte mich, ihm beim Anlegen zu helfen und sie zu halten, als er hochkletterte, dann folgte ich, zog die Leiter hoch und ließ sie auf der anderen Seite herunter, so daß wir absteigen konnten. Men stand auf, er hatte an einer dunklen Stelle gesessen, und die beiden Männer begrüßten sich ernst. Ich griff mir Umhang und Beutel.
„Wir sollten uns lieber beeilen“, sagte Men. „Früher oder später merken sie, daß wir ihnen durch die Finger geschlüpft sind.“ Bei diesen Worten lief es mir kalt über den Rücken. Wir machten kehrt und schlugen den Rückweg ein.
Wie Geister schlichen wir uns an Mens Anwesen entlang und gingen weiter. Gelegentlich wehte über Mauern, an denen wir vorbeikamen, Musik zu uns herab. Zuweilen drang uns Gelächter und Festlärm entgegen, doch das verklang rasch, und statt dessen raschelten überhängende Äste. Katzen, die in dieser gottverlassenen Gegend der Stadt hausten, verstohlen. Doch schließlich hatten wir das letzte Anwesen vor dem riesigen königlichen und militärischen Bezirk hinter uns gelassen und wandten uns der Stadtmitte zu.
Wortlos und einhellig machten wir einen Umweg am Re-Tempel vorbei und stürzten uns in das nächtliche Treiben, wo uns keiner kannte. Lampenlicht fiel aus den geöffneten Türen der Bierhäuser oder flackerte in den Buden der Händler, die sich bemühten, dahinschlendernde Stadtbewohner anzulocken, die den lauen Abend genossen. Doch an der Straße, die rechter Hand zum Ptah-Tempel führte, blieb Nesiamun stehen.
„Es hat keinen Zweck“, sagte er. „Wir schaffen es nicht, den Palastkomplex durch einen Hintereingang zu betreten. Jeder Eingang, ob klein oder groß, ist stark bewacht, und selbst wenn wir die königlichen Söldner auf wundersame Weise umgehen könnten, würden wir immer wieder angerufen werden, ehe wir bis zum Prinzen durchdringen, und wir wissen nicht einmal, wo er sich gerade befindet. Der Palast ist ein regelrechter Irrgarten, ohne Wegweisung findet man sich nicht zurecht, und die Zeit läuft uns davon. Ich denke, wir sollten es am Haupteingang versuchen. Ich werde die Wache überreden, uns sofort dorthin zu bringen, wohin wir wollen. Falls uns dort Paiis’ Soldaten auflauern, müssen sie den Soldaten des Pharaos erklären, warum man mich nicht einlassen will. Ich habe das hier mitgebracht.“ Er zog eine Rolle aus den Falten seines Umhangs. „Die Einwilligung des Prinzen, mich morgen zu empfangen. Die sichert uns am Eingang zumindest ein geneigtes Ohr.“
„Sehr gut“, meinte Men. „Ich fürchte für meinen Sohn, Nesiamun. Sein Tod wird mit jedem Augenblick gewisser. Sollte Paiis obsiegen, werde ich mir nie verzeihen, daß ich Kamens Nöte so feige abgetan habe.“
Nesiamun lächelte kalt. „Und Takhuru wird mir nie verzeihen“, sagte er. „Also los. Wir müssen zum Wasser.“
Wir brauchten eine ganze Stunde, bis wir die verschlungenen Straßen und Gassen hinter uns gebracht hatten und unversehens vor einer großen grünen Rasenfläche standen, auf der überall verteilt Palmen wuchsen. Dahinter lag der Residenzsee, auf dem sich dunkle Wellen kräuselten. Zu unserer Linken erhob sich die mächtige Mauer, die den ganzen Palastkomplex umgab, doch weiter hinten war sie von einem mit Bäumen gesäumten Kanal durchbrochen, auf dem die königlichen Barken vertäut lagen und die Gesandten unserem Gott entgegenfuhren. Der Kanal endete vor einer breiten, dreigeteilten Bootstreppe aus Marmor, die zu einem großen gepflasterten Hof führte. Dahinter kennzeichnete ein riesiger Pylon den Eingang zum geheiligten Bezirk.
In angespanntem Schweigen gingen wir auf den Hof zu. Eine prächtig verzierte Sänfte, die im Schein der von Sklaven gehaltenen Fackeln funkelte, stand auf dem Pflaster. Sie war leer, ihre Seidenvorhänge waren aufgezogen, und ihre Träger scharten sich zusammen und plauderten zwanglos. Sie sahen uns kaum an, als wir uns näherten und dann an ihnen vorbeigingen. Mehrere Barken wurden an der Bootstreppe vertäut. Laufplanken klapperten auf die Steine, und eine lachende Menschenmenge drängte sich an Land. Sie umringte uns, und ich schritt kurz in einer Parfümwolke und zwischen Juwelengefunkel, ehe die Menschen durch den Pylon schlenderten. Viele grüßten Nesiamun, fragten, warum er nicht festlich gekleidet und wo seine Frau sei. Die aufgereihten Wachtposten, die den Eingang bewachten, musterten sie eingehend und gaben den Weg frei.
Men
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