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Die Herrin Thu

Die Herrin Thu

Titel: Die Herrin Thu Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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packte mich beim Arm und drängte sich hinter Nesiamun, der einen der Gäste eingeholt hatte und sich eingehend mit ihm unterhielt. Die lärmende Gesellschaft umgab uns. Dann waren wir im Schatten des Pylons und auf dem Palastgelände. „Wenn heute Abend ein Fest gegeben wird, ist der Prinz nicht in seinen Gemächern“, sagte Men hastig. „Und stören läßt er sich dabei auch nicht gern.“
    „Es ist noch zu früh“, erwiderte Nesiamun. „Zu früh für den Bankettsaal. Laß uns versuchen, ihn abzufangen, ehe er seine Gemächer verläßt.“
    Wir hatten eine Stelle erreicht, wo sich der gepflasterte Weg dreiteilte, wobei jeder der drei Wege sich durch Bäume zog und von Rasenflächen gesäumt war. Vor uns, auf dem mittleren, ragten Säulenreihen im Schein der vielen Fackeln rings um ihre Sockel empor wie vier rote, riesige Flammenzungen. „Die öffentliche Empfangshalle“, sagte Nesiamun knapp. Wir näherten uns ihr noch immer inmitten der munteren Menge, doch wir gingen nicht durch sie hindurch. Nesiamun zog uns vor den Säulen über den federnden Rasen, doch den Weg linker Hand schlug er nicht ein. „Der führt zum Harem“, sagte er. „Wir müssen zwischen Harem und Palastmauer entlang.“ Er hatte uns zu einer kleinen Pforte neben den Säulen geführt, wo zwei Wachsoldaten in der blau-weißen königlichen Uniform standen und uns wachsam musterten, während wir näher kamen. Einer hob den lederbekleideten Arm, und wir blieben stehen.
    „Falls ihr zum Fest wollt, so seid ihr hier falsch“, sagte er. „Geht zum Haupteingang zurück.“ Nesiamun reichte ihm herrisch seine Rolle.
    „Ich bin der Oberaufseher der Fayence-Werkstätten“, antwortete er. „Man hat mir eine Audienz bei Prinz Ramses gewährt.“ Der Mann entrollte den Papyrus und überflog ihn.
    „Deine Audienz ist für morgen früh angesetzt“, sagte er bestimmt. „Der Prinz hat heute Gäste. Kommt zur angegebenen Zeit wieder.“ Nesiamun nahm ihm die Rolle ab.
    „Die Angelegenheit, die ich mit dem Prinzen zu besprechen habe, duldet keinen Aufschub“, beharrte er. „Und seit der Prinz das hier unterschrieben hat, eilt sie noch mehr. Sie kann nicht warten.“
    „Jeder will sofort beim Prinzen vorgelassen werden“, blaffte ihn der Soldat an. „Falls du ein enger Berater oder General wärst, würde ich dich durchlassen, doch welche wichtige Angelegenheit kann der Oberaufseher der FayenceWerkstätten zu dieser Tageszeit schon haben? Tut mir leid.“ Nesiamun trat näher.
    „Du machst deine Sache gut“, sagte er mit Nachdruck, „und dafür sollte der Prinz dir dankbar sein. Aber wenn du uns nicht durchläßt, wirst du es bereuen.
    Laß wenigstens einen Herold holen. Und falls du nicht willst, tue ich es.“ Der Mann wich und wankte nicht, doch nach kurzem Überlegen sagte er zu seinem Kameraden:
    „Du darfst deinen Posten verlassen. Hol uns einen Herold.“ Leder knarrte und Messing klapperte, dann war der Soldat im Dunkel hinter der Pforte verschwunden. Niemand bewegte sich, doch ich spürte die angespannte Ungeduld meines Gebieters. Er atmete schwer, hatte die Daumen in den Gürtel gehakt und blickte immer wieder über die Schulter zum öffentlichen Eingang zurück, wo weitere funkelnde Festgäste im Fackelschein und unter schallendem, fröhlichem Lärm hereingeströmt kamen. Nesiamun wirkte gelassen, doch wohl nur um den Soldaten zu beeindrucken, der uns den Weg vertrat. Ich wußte, daß er uns beim ersten Anzeichen von Unschlüssigkeit fortschicken würde.
    Doch lange mußten wir nicht warten. Der Soldat bezog wieder Stellung vor der Pforte, und der Herold begrüßte uns. „Der Edle Nesiamun, nicht wahr?“ sagte er freundlich. „Du möchtest gewiß eine Botschaft an den Prinzen überbracht haben. Du weißt, daß du für morgen auf der Audienzliste stehst.“
    „Das weiß ich, aber unsere Angelegenheit duldet keinen Aufschub“, erwiderte Nesiamun. „Geh zum Prinzen und sag ihm, daß ich nicht nur um das Schicksal meiner Tochter bange. Das Leben eines Königssohns ist in Gefahr. Letzteres bezeugen mein Begleiter Men, der Kaufmann, und sein Schreiber Kaha. Wir bitten darum, auf der Stelle ein paar Worte mit ihm sprechen zu dürfen.“ Der Herold war gut geschult. Seine Miene veränderte sich nicht, sie zeigte weder Neugier noch Zweifel. Er verbeugte sich erneut.
    „Ich rede mit dem Prinzen“, sagte er. „Er ist noch in seinen Gemächern, will aber gleich zum Fest.“ Damit enteilte der Herold, und wir drei zogen uns ein

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