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Die Herrin Thu

Die Herrin Thu

Titel: Die Herrin Thu Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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General. „Eine sehr interessante Geschichte“, sagte er im Plauderton. „Länger und komplizierter als die Geschichten, die meine Kinderfrau mir immer erzählt hat, aber genauso fesselnd. Paiis, was hältst du davon?“ Paiis tat sie mit einem Zucken der breiten Schultern verächtlich ab.
    „Ein Wunder an Einfallsreichtum und mit ein paar Fäden Wahrheit durchwirkt, was der Geschichte einen giftigen Stachel verleiht, Prinz“, antwortete er. „Ich kannte diesen Mann, als er noch in Diensten meines Bruders stand. Selbst damals schon war er unzuverlässig und geschwätzig. Du mußt wissen, daß die Frau, die Vorjahren versucht hat, den Einzig-Einen zu ermorden, ihre Verbannung verlassen hat und irgendwo in der Stadt frei herumläuft. Ich glaube, daß sie sich mit Kaha verbündet hat, um die anzuschwärzen, die einmal gut zu ihr gewesen sind, und durch Lügen Begnadigung erlangen möchte. Das Lügenmärchen haben sich die beiden ausgedacht.“
    „Und warum sollte er dergleichen tun?“ Ramses verschränkte die Arme. Jetzt blickte er Paiis nicht mehr an. Sein Blick war in die hinterste Ecke des hell erleuchteten Raumes gerichtet.
    „Weil er seit Jahren in sie verliebt ist“, antwortete Paiis prompt. „Sie hatte die Gabe, die niederen Gefühle der Männer anzusprechen, und die hat sie offensichtlich nicht verloren.“ Ein eigenartiger Ausdruck huschte über das Gesicht des Prinzen, ja, verzog er es etwa schmerzhaft?
    „Ich erinnere mich gut an sie“, sagte er und mußte sich räuspern. „Eine Nebenfrau meines Vaters und sein Verderben. Man hatte mich mit der Untersuchung ihrer Schuld beauftragt. Es wurden keine Beweise gefunden, daß noch irgend jemand in das Verbrechen verwickelt war.“ Seine Augen ließen von der Decke ab, wanderten zu mir und ruhten dann auf mir. „Warum war das so, falls deine Geschichte wahr ist?“ Das wirkte auf mich wie eine dümmliche Frage, doch ich wußte, daß dieser Prinz alles andere als dumm war. Er wollte, daß ich etwas in Worte faßte.
    „Weil der Oberhofmeister Paibekamun den Krug mit dem vergifteten Massageöl nicht fortgeworfen, sondern behalten, ihn dir übergeben und Thu damit die ganze Schuld zugeschoben hat, Prinz.“
    „Thu“, wiederholte er. „Ja. O ihr Götter, sie war schön! Und was hast du gelogen, Schreiber Kaha?“ Ich wagte einen Blick zum General. Der stand mit den Händen auf dem Rücken und steif gespreizten Beinen, als wäre er auf dem Exerzierplatz und drillte Soldaten.
    „Mach nur weiter, Kaha“, sagte er. „Leiste einen Meineid um einer Liebe willen, die längst Vergangenheit geworden ist. Lüge für diese Bäuerin aus Aswat.“ Mich überkam der Zorn, und der besiegte meine Angst vor ihm.
    „Ich habe in der Vergangenheit aus Treue zu dir und dem Seher gelogen“, erwiderte ich hitzig. „Aus Treue, General!
    Aber ich bin Schreiber und habe noch immer Ehrfurcht vor der Wahrheit. Glaubst du, es fällt mir leicht, hier zu stehen in dem Wissen, daß ich nur ein ganz kleiner Fisch in einem Fluß voller Krokodile bin? Daß man mich fressen kann, während sich die Mächtigen weiter frei im Wasser tummeln? Mit dir wird man nachsichtiger sein als mit mir, wie abscheulich dein Verbrechen auch immer sein mag.“
    „Friede, Kaha“, schaltete sich der Prinz freundlich ein. „Ägyptisches Recht gilt ohne Ansehen der Person für Edelleute wie für gewöhnliche Menschen. Du hast von der Gerechtigkeit nicht mehr zu befürchten als Paiis.“ Ich fiel auf ein Knie.
    „Dann stelle es unter Beweis, Prinz!“ rief ich. „Denn ich habe gelogen. Mein Gebieter Hui hat deinen Ermittlern gesagt, daß Thu ihn um Arsen gegen Würmer in den Eingeweiden gebeten und er nicht geargwöhnt hätte, daß sie es für deinen Vater haben wollte. Mir aber hat er mit großer Genugtuung erzählt, daß er wüßte, wie es wirklich verwendet werden sollte, und daß ganz Ägypten jubeln würde, wenn es den königlichen Parasiten los wäre.“ Ich geriet ins Stocken. „Verzeihung, Prinz, aber das waren seine Worte. Ich bin darin geschult, solche Dinge genau im Gedächtnis zu behalten. Als man mich fragte, was ich über die Sache wüßte, wiederholte ich die Lüge meines Gebieters. Und ich habe auch hinsichtlich des Aufenthaltsortes meines Gebieters in jener Nacht, in der dein Vater fast gestorben wäre, gelogen. Hui hat alle im Haus angewiesen, sie sollten aussagen, er wäre für eine Woche nach Abydos gereist, um sich mit den Osiris-Priestern zu beraten, und wäre erst zwei Tage

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