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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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wollt?«
    »Lucian.« Sie fasste ihn an der Hand. Es störte sie nicht, dass die anderen Ritter zusahen, wie sie bettelte und sich zur Närrin machte. »Es ist mir egal, was dir dein Ritterorden vorschreibt. Ich will deinen Gehorsam nicht. Ich möchte, dass du mir glaubst.«
    Er musterte sie schweigend. Die anderen Ritter rückten näher heran und umringten sie. »Vielleicht solltest du auf sie hören«, schlug Niall vor. »Immerhin haben die Sieben sie gerufen.«
    »Sie weiß bestimmt mehr als jeder von uns. Denn sie hat das Gesicht und ist die größte Hexe von allen«, stieß ein anderer hervor. Ravenna betrachtete den Sprecher. Er war das jüngste Mitglied der Gruppe, ein sommersprossiger Bengel von vielleicht siebzehn Jahren. Sein Haar war kupferrot. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Marvin … du kennst Marvin doch. Neveres Gefährte. Bist du mit ihm verwandt?«
    Der Junge nickte. »Er ist mein Cousin. Eines Tages will ich auch ein Geweihter werden, genau wie er.«
    Ravenna nickte. Sie verschränkte die Hände und rieb die kalten Finger aneinander. »Marvin gehört zu den Männern, die unten an Constantins Tafel sitzen und mit ihm beratschlagen dürfen. Trotzdem hält er sich nicht immer an die Regeln. Wusstet ihr, dass er Nevere vorschlug, den Marquis während des Turniers mit einem gezielten Bolzenschuss zu erledigen?«
    Die jungen Männer bewegten sich unruhig hin und her. »Also nein«, stellte Ravenna zufrieden fest. »Es würde mich doch sehr interessieren, was Constantin zu dieser Art von Konfliktlösung sagt. Auf jeden Fall solltet ihr anhand dieser Geschichte erkennen, wie Marvin das Problem mit Beliar betrachtet.«
    »Marvin ist der Gefährte von Lammas«, wandte Lucian ein. »Und er ist Constantins Späher. Er muss trickreich und verschlagen sein. Doch was für ihn gilt, gilt noch lange nicht für uns.«
    Ravenna musterte die Krieger der Reihe nach. »Wer von euch würde Lucian folgen, wenn er mit mir nach Straßburg reitet?«
    »Ich!«, platzte der junge Bursche heraus. »Ich auch«, nickte Vernon. Nach und nach erklärten sich alle anwesenden Ritter dazu bereit, Lucian in das Abenteuer zu begleiten.
    Zuletzt blickte Ravenna ihren Ritter an. »Was sagst du jetzt?«
    »Man sollte Euch zur Königin machen, so durchtrieben wie Ihr Verhandlungen führt«, brummte er.
    Ravenna grinste. »Ich würde sagen, du bist überstimmt. So macht man es in meiner Welt. Wir treffen uns also in zehn Minuten unten im Hof.« Sie wandte sich an Marvins Cousin. »Du bleibst allerdings hier, denn du siehst mir nicht so aus, als ob du schon volljährig wärst. Dafür wirst du mir dein Kettenhemd borgen.«
    Der Rotschopf ließ sie durch eine Seitenpforte aus der Burg hinaus. Sehnsüchtig starrte er den Reitern nach, die den Pfad ins Flusstal hinabtrabten. Ravenna war überzeugt davon, dass ein einziges Wort von ihr genügte, und Marvins Cousin hätte alles stehen und liegen lassen, um sich der Gruppe anzuschließen. Aber es war besser so, denn nun konnte wenigstens einer dem König erklären, was in seine jungen Ritter gefahren war.
    Lucian führte die Gruppe in einem weiten Bogen um den Turnierplatz. Dort zerstreuten sich nun die Gäste, denn der Wind hatte zugenommen. Böen schüttelten die Kronen der Bäume und türmten im Fluss graue Wellen auf. Donner grollte in der Ferne.
    Solange das Gelände hüglig war, trabten die Pferde, doch als sie den Zufluss zur Ill erreichten, fielen die Tiere in Galopp. In ihrer Zeit hätte Ravenna den Nachtritt bestimmt als ein aufregendes Abenteuer empfunden und ihn besonders genossen, aber jetzt war sie von Unruhe erfüllt. Mit dem Auto brauchte sie von Obernai bis nach Straßburg keine halbe Stunde, im Dunkeln und zu Pferd dauerte der Weg eine Ewigkeit. Der Morgen war nicht mehr fern, als die Stadt endlich in Sicht kam, und vom ständigen Auf und Ab im Sattel taten ihr die Knochen weh.
    Zwei tiefe, mit Wasser gefüllte Gräben, von Brücken überspannt, Wachtürme, Mauern und Zinnen – es war ein anderes Straßburg, dem sie sich näherten. Mit der Stadt, in der Ravenna sich heimisch fühlte, hatte diese Festung nicht viel gemeinsam. Unter der Aufsicht eines Ritters ließen sie die Schimmel an der Furt außerhalb der Stadtmauer zurück. Die Feenpferde waren viel zu auffällig, jeder hätte die Reiter sofort als Constantins Gefolgsleute erkannt. Außerdem hatte Ravenna den Rittern geraten, ihre Helme und Schilde in der Burg zu lassen, weil auch die Rüstungen verräterisch waren.

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