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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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zur Beerdigung ihres Gemahls gefahren wurde – unerschütterlich, ruhig und beeindruckend. Ganz anders dagegen der Junge, der neben ihr kauerte. Er umklammerte das schwarz lackierte Geländer, das den Karren umgab, und starrte die Leute aus aufgerissenen Augen an.
    Plötzlich ertönte ein Schrei in der Menge. »Remi! Remi … ach, mein Junge!« Eine ärmlich gekleidete Frau bahnte sich den Weg bis zur Gasse und rannte neben dem Wagen her. Immer wieder versuchte sie, den Jungen an der Hand zu fassen. Er erkannte sie und heulte auf.
    »Maman! Maman, bitte hilf mir!«
    Der Aufschrei löste den Bann, unter dem die Menge stand. Die Leute reckten die Hälse und begannen zu tuscheln. Manche duckten sich unter den schweren, kalten Regentropfen, die vereinzelt aus den Wolken fielen.
    »Diese Zauberin hat dich verhext!«, schrie die verzweifelte Mutter. »Melisende hat einen Fluch über dich geworfen, so dass du gar nicht anders handeln konntest, als den Bezoar bei der Ulme zu verstecken! Das wirst du doch den Richtern sagen, damit sie dich freilassen? Nicht wahr, das wirst du sagen!«
    »Maman!«, wimmerte der Junge wieder. Als die Soldaten, die den Platz absperrten, die Frau gewaltsam zurückdrängten, hämmerte sie mit den Fäusten gegen die Schilde und schluchzte.
    Melisende ergriff ihren Schleier, zog ihn vom Kopf und ballte rasch die Faust um das rosenrote Tuch. Durch die Finger murmelte sie einige Worte, und als sie den Schleier anschließend auseinander schüttelte, bemerkte Ravenna einen hauchdünnen Schimmer von Goldpuder, das wie Licht zu Boden stäubte. Dann hörte sie Melisendes Stimme, die mühelos den ganzen Platz erfüllte. Magie, es musste Magie sein, welche die Stimmen der Sprechenden derart verstärkte.
    »Du wirst lange um deinen Jungen weinen«, rief die Hexe der Mutter zu, während sie ihr das Tuch über die Köpfe der Soldaten hinweg reichte. »Genauso lange wird es dauern, bis dieser Schleier von deinen Tränen durchnässt ist. Aber wenn er getrocknet ist, sollst du deinen Schmerz vergessen und erkennen, wer der wahre Schuldige ist. Wenn du ihm dann noch einmal begegnest und ihn ansiehst, wird er in Stein verwandelt werden.«
    »Der Schleier der Basilisken!«, schrie jemand in der Menge. »Das ist der Beweis! Melisende ist eine Schwarzmagierin und hat den armen Remi ins Unglück gestürzt!«
    Unsinn!, hätte Ravenna am liebsten gerufen. Sie hat bloß ein Stück Stoff besprochen, um die Ärmste zu trösten. Aber sie beherrschte sich. Niemand durfte wissen, dass sich unter den Zuschauern noch eine Hexe befand.
    Als der Karren weiterrollte, zog Melisende Remi in die Arme. Er versteckte das Gesicht in den Falten ihres Gewands. Die Mutter erstarrte und blieb stehen. Das rosenrote Tuch hing von ihren Fingern zu Boden. Ehe sie in sich zusammensackte, war eine Gestalt in einem grauen Umhang neben ihr, fing sie auf und führte sie vom Platz. Vernon warf Ravenna und ihrem Begleiter einen warnenden Blick zu, ehe er mit der Frau zwischen einer Häuserzeile verschwand.
    Ravenna sog die Unterlippe zwischen die Zähne und begann sich entschlossen durch die Menge zu drängen. Als sie sich den Stufen vor der Kathedrale näherte, wurde ihr beinahe übel. Wie aus dem Nichts war der Marquis aufgetaucht. Fürsorglich reichte er Melisende die Hand und half ihr, vom Wagen herabzusteigen, eine Geste, die sie gelassen annahm. Beliar war immer noch von Kopf bis Fuß gerüstet, doch er hatte den Helm gegen ein Barett getauscht, das mit einer prunkvollen Fibel geschmückt war. Mit Silberfäden waren stilisierte Skorpione in seinen Umhang gewirkt, die im Faltenwurf wie lebendige Kreaturen schimmerten. Der Anblick des Marquis wirkte wie ein Sog, der alle anderen Vorgänge auf dem Platz nebensächlich erscheinen ließ. Wimmernd duckte Remi sich auf dem Boden des Karrens zusammen. Der Anblick des schwarzen Ritters versetzte ihn in Angst und Schrecken.
    Warum verflucht Melisende ihn denn nicht oder sticht ihm die Augen aus?, dachte Ravenna aufgebracht. Sie selbst wäre dem Marquis mit Sicherheit an den Hals gesprungen, und wenn es das Letzte gewesen wäre, was sie tat. Die Schicksalsergebenheit der Zauberin quälte sie. Melisende schien zu wissen, dass dieser verhangene Morgen ihr letzter war.
    Immer rücksichtsloser schob Ravenna sich durch die Menge, wobei sie einige Leute unsanft zur Seite stieß. Sie wünschte sich sehnlichst, dass die Lichtbrücke entstand, die Lucian auf dem Turnierplatz geschützt hatte, doch das geschah nicht.

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