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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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vorausgewesen.
    Seine Hand senkte sich, die Lippen bewegten sich und aus den magischen Zeichen, die den Rand der Eisenkreise bedeckten, brach ein bläuliches Feuer hervor, heißer als eine Gasflamme. Melisende und der Junge wanden sich qualvoll, ohne den Käfig aus rauchloser, weißer Glut verlassen zu können. Die Zauberin blickte Ravenna an. Ihr Haar war längst zu Asche vergangen, doch ihre Augen funkelten und plötzlich hörte Ravenna, wie eine Stimme laut und deutlich zu ihr sprach.
    Lauf weg, Kind! Lauf weg von hier, schnell! Wenigstens eine von uns muss überleben!
    Sie stöhnte. Sie kannte diese Stimme, hatte denselben Klang schon einmal gehört: an dem Schalenstein auf dem Odilienberg, kurz bevor sie in den Hexenring getreten war. Es war der Ruf aus der Ferne.
    Plötzlich sprühte die Säule aus Licht und Gas, in der Melisende gefangen war, grelle Funken. Mit einem Aufschrei wichen die Zuschauer zurück. Entlang des Lichtstrahls blühten Rosen auf, Blüten aus orangefarbenem Feuer, die die schattenhafte Gestalt umrankten. Dann erlosch der Brand mit einem Knall und ein Schauer aus Blütenblättern regnete zu Boden. Die Magierin war verschwunden, nur Remis Scheiterhaufen brannte noch mit heller Flamme.
    Ein scharfer, metallischer Knall warnte Ravenna – das Schwert ihres Ritters, der sie verbissen gegen eine Übermacht von Angreifern verteidigte. »Verdammt«, schrie Lucian ihr zu. »Was sollte das?«
    Sie blinzelte und wischte sich über das Gesicht. Menschen, Karren und Pferde, alles war in Bewegung, alles schob sich in ihre Richtung. »Zum Münster! Auf das Gerüst – mach schnell!«, schrie sie Lucian zu. »Ich kenne vielleicht einen Ausweg!«
    Das nördliche Portal war mit Brettern und Bohlen verkleidet, die mit Stricken befestigt waren. Auch siebenhundert Jahre vor ihrer Zeit war die Kathedrale eine Baustelle, und genauso sollte es in den kommenden Jahrhunderten bleiben. Doch bevor sie das Gerüst erreichten und sich vor der wütenden Menge in Sicherheit bringen konnten, schnitt der Marquis ihnen den Weg ab.
    Beliars Hiebe hagelten auf Lucian ein, so dass dem jungen Ritter kaum Zeit zur Abwehr blieb. Er wich zurück, bis er mit dem Rücken an den Säulen stand. Ravenna sprang den Marquis an. Wie eine Katze klammerte sie sich an seinen Umhang, während sie versuchte, ihre Finger in die Lücke zwischen Hals und Brustharnisch zu quetschen und Beliars Kehlkopf nach innen zu pressen. Mit dem Schwertknauf traf der Marquis sie am Kinn. Sie stürzte rücklings zu Boden. Ihr Kopf dröhnte, sämtliche Zähne schmerzten und das Kirchenportal drehte sich vor ihren Augen. Sie starrte Beliar an, als dieser das Schwert beidhändig über den Kopf hob. Die Schuppenklinge zeigte nach unten. Auf ihr Herz.
    »Pass auf!«
    Mit gestrecktem Schwert duckte Lucian sich unter dem erhobenen Arm des Marquis. Sein Gegner verwandelte den Todesstoß sofort in einen Seitenhieb. Er traf Lucian mit voller Wucht unter der Achsel. Wie ein heißes Messer durch Butter – so glitt die verhexte Klinge durch die Ringpanzerung des Ritters. Lose Kettenglieder regneten rings um Ravenna zu Boden. Gleichzeitig trennte das Schwert einen Streifen Muskelgewebe und Haut von Lucians Körper ab.
    Lucian wurde leichenblass. Er ließ das Schwert fallen und taumelte, während er mit der Hand den blutigen Gewebefetzen an sich presste. Der Marquis holte zum letzten Stoß aus. Da schmetterte Ravenna ihm mit aller Kraft Lucians Schwert auf die linke Schulter, als wäre es ein Fäustel, mit dem sie einen widerspenstigen Steinblock spalten wollte. Zuckend umhüllte eine Flamme die Klinge, ein Funkenregen stob unter dem Gewölbe auf und versengte ihr die Hände. Ihre Finger wurden taub. Dann fiel die schwarze Rüstung in sich zusammen, als gäbe es keinen Körper, der sie füllte. Der Platz vor dem Portal flimmerte. Dicht an dicht drängten die Menschen herbei, bewaffnet mit Schwertern, Knüppeln und Pflastersteinen. Im Hintergrund rauchten die Überreste der beiden Scheiterhaufen.
    »Komm! Auf das Gerüst!« Ravenna war selbst überrascht, wie ruhig ihre Stimme klang. Sie fasste Lucian an der Hand und half ihm, die Stiege zu erklimmen. Er wankte und sein Atem ging schwer. Mit dem rechten Fuß hinterließ er blutige Abdrücke auf den Holzbohlen.
    Ravenna hatte völlig klar vor Augen, was sie als Nächstes tun musste. Sie hatten nur noch eine Chance – wenn es nicht gelang, starb Lucian sofort und sie wenig später in einem ähnlichen Feuer wie Melisende.

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