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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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Gebückt schob sie sich auf dem niedrigen Gerüst vorwärts, während unten die ersten Angreifer an den Stelzen rüttelten und auf der Stiege trampelten. Flüche hallten unter dem Gewölbe.
    Da war der Fürst der Welt, der die törichten Jungfrauen verführte – Ravenna schluchzte vor Erleichterung, als die Figurengruppe vor ihr auftauchte. Lucian folgte ihr mit geschlossenen Augen und schleppenden Schritten, ein Schlafwandler am Abgrund des Todes.
    Jetzt, dachte Ravenna. Jetzt oder nie. Sie legte die Finger auf den Apfel aus Stein, den der Fürst in der Hand hielt und wünschte sich weit fort von dem düsteren Morgen des Jahres 1253.
    Der Himmel verfinsterte sich. Die Sterne rasten vorbei, so dass sie Leuchtbahnen durch die Nacht zogen. Immer schneller drehte sich das Karussell aus Licht und Dunkelheit, bis die Zeit zu einem blendenden Strom verwischte. Wieder erfasste Ravenna das Gefühl von Schwerelosigkeit und sie hörte, wie Lucian schrie – vor Überraschung, vor Schmerz, oder weil er starb … sie wusste es nicht. Sie schlang die Arme um ihn, als könnte sie ihn festhalten, während der Strudel der Jahrhunderte sie verschlang.
    Als es wieder hell wurde, fiel sanfter Regen auf die Stadt. Mit dem Rücken lehnte Lucian am Fuß der Figurengruppe und starrte sie an. Sie hörte das Wort Hexe so deutlich in seinen Gedanken, als stünde es ihm auf die Stirn geschrieben.
    Vor dem Münster ertönte ein knatterndes Geräusch und der Gestank von Benzingemisch wehte zu ihnen herauf. Hastig beugte Ravenna sich über das Geländer. Ein Motorroller – wie sehr hatte sie die Dinger früher gehasst! Jetzt wurde ihr beim Anblick des lärmenden Fahrzeugs ganz flau vor Erleichterung. Sie hatte ein Zeittor gefunden, dasselbe Tor, das sie ihren Job gekostet hatte: Der Apfel in der Hand des weltlichen Verführers war offenkundig verhext. Zuverlässig hatte die Magie sie in ihre Zeit zurückversetzt, in die Zeit der gelben Markisen, der klingelnden Fahrradfahrer und der überfüllten Souvenirläden.
    »Lucian, steh auf! Bitte steh auf! Du kannst hier nicht sitzen bleiben!«
    Sie zog an seinem ausgestreckten Arm und er kam torkelnd auf die Füße wie ein Betrunkener. An der Stelle, an der er gesessen hatte, klebte eine Blutlache.
    Behutsam half Ravenna ihm die Treppe hinunter, immer auf der Hut vor ihren Kollegen, denen sie um keinen Preis der Welt in die Arme laufen wollte, solange sich ein schwer verletzter Ritter auf sie stützte. Noch schien Lucian nicht zu bemerken, was sich verändert hatte. Er war zu benommen von Beliars Treffer und der Unterschied war auf den ersten Blick nicht allzu gewaltig: Auf dem Platz rings um die Kirche fand an diesem Tag ein Mittelaltermarkt statt. Marktschreier, Geflügelhändler und Schmiede übertönten einander, Stelzenläufer und Jongleure begeisterten das Publikum und von der Rue des Hallebardes näherte sich ein Spielmannszug: Leute in Schnabelschuhen, wollenen Umhängen und Filzhüten. Sie zogen einen Rattenschwanz von Touristen und aufgeregten Kindern hinter sich her.
    Mit klopfendem Herzen wartete Ravenna, bis der Umzug die Place de la Cathédrale erreicht hatte. Dann ließ sie sich von dem bunten Treiben aufsaugen, das sie auf einer Woge von Trommelschlägen, Schellenrasseln und Flötenklängen durch die Gassen trug. Niemand nahm Anstoß an ihren grauen Umhängen, den Ringpanzern und den Beinschienen, ganz zu schweigen von dem Schwert, das sie in der Hand trug. Offenbar hielt man ihre Verkleidung für besonders gelungen und das klebrige, rote Zeug auf ihrem Arm für Theaterblut. Passanten applaudierten, als sie in das Gerberviertel einbogen. Ein Sprecher gab Einzelheiten aus der Stadtgeschichte zum Besten, während sie dem Verlauf der Ill folgten. Ravenna biss die Zähne aufeinander und schluckte die Tränen hinunter. Wie ein totes Gewicht hing Lucian auf ihrer Schulter. Nur am gelegentlichen Zittern seines Körpers merkte sie, dass er noch lebte.
    Endlich gelangten sie in die Nähe ihrer Wohnung. Ravenna bugsierte Lucian in den Innenhof und ließ den Zug unbemerkt vorüberziehen. Tagsüber war die Eingangstür des alten Fachwerkhauses nicht abgeschlossen. Stufe für Stufe zog sie den Verletzten nach oben und hoffte bei jedem Schritt, dass ihnen keiner der Nachbarn begegnete. Aber es war ein Arbeitstag und das Haus wirkte wie ausgestorben.
    Als sie vor ihrer Haustür angelangt war, war sie schweißgebadet. Es gab einen dritten Schlüssel, den sie beim Einzug in die Lampenschale im Flur

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