Die Hexen - Roman
und reichte Lucian sein Schwert.
»Mir kam gerade ein Gedanke«, keuchte sie mit Blick auf die Waffe. »Wir könnten diesem Beliar eine Falle stellen. Bedenkt doch: Ich habe die Gabe des Rufens. Ravenna ist eine Tormagierin. Wenn wir den Maistein benutzen, um ihn anzulocken, und wenn Lucian ihn dann mit gezogenem Schwert erwartet …«
»Nein!«, riefen Lucian und Ravenna beinahe gleichzeitig aus und der Ritter setzte hinzu: »Schlagt Euch das aus dem Kopf, Yvonne! Ihr behauptet zwar, nicht mehr zu wissen, was während des Gewitters in der Bibliothek geschah, doch ich kann Euch eines versichern: Ohne die Hilfe des Pilgers wären wir alle umgekommen. Eure Eltern waren sehr freundlich zu mir und nahmen mich ohne große Nachfragen in ihr Haus auf. Ich werde nicht zulassen, dass Gilbert und Anna etwas zustößt.«
Mit großen Augen sah Ravenna die Streithähne an. Sie erschrak über die Härte, mit der Lucian ihre Schwester am Oberarm gepackt hatte. Mit einer ungehaltenen Bewegung befreite Yvonne sich aus dem Griff des Ritters. »Ist ja schon gut«, murmelte sie. »Warum regst du dich denn so auf? Es war doch bloß ein Vorschlag.« Sie rieb sich die Schulter, während Lucian das Kettenhemd auseinanderzog.
Ravenna staunte, als sie die zahlreichen neuen Glieder sah, welche die Panzerung über der Schulter und an der Seite zusammenhielten. »Deine Rüstung ist wieder ganz! Wie hast du denn das fertiggebracht?«
»Euer Vater half mir«, erklärte Lucian, während er das T-Shirt sorgfältig in den Hosenbund schob und die Falten glättete. »In meiner Welt wäre er kein Gastwirt, sondern ein reicher Schmied, das könnt Ihr mir glauben. Geht Ihr mir beim Überziehen zur Hand?«
Ravenna hielt das Kettenhemd in die Höhe und war Lucian behilflich, als er die Panzerung über Kopf und Schultern streifte. Zwischen ihren Fingern fühlten sich die Ringe an wie flüssiges Silber. Als Lucian sich aufrichtete, glitt die Rüstung wie eine zweite Haut an ihm herab. Er lächelte.
»Jetzt Ihr«, sagte er und half ihr, die Rüstung anzulegen, die sie auf der Burg von dem jungen Rotschopf entliehen hatte – Marvins Cousin. Als sie vollständig gerüstet voreinander standen, musste Ravenna schmunzeln: Kettenhemd zu Jeans und Schnürstiefeln aus wasserabweisendem Kunststoff, das war ein eher gewöhnungsbedürftiger Aufzug. Aber sie wusste, was es zu bedeuten hatte: Die Verwandlung hatte begonnen.
Sie konnte nicht anders – sie zog Lucian rasch zu sich heran und küsste ihn auf den Mund, ohne auf die schmerzenden Prellungen an Lippe und Kinn zu achten. Er hatte nichts dagegen, im Gegenteil: Er schlang die Arme um sie, bis sie der Geruch von frisch geölter Kette einhüllte. Dann legte er ihr die Hände auf die Schultern und hielt sie ein Stück von sich weg.
»Ich weiß, wie mutig Ihr seid, Ravenna, doch ich verlange, dass Ihr Vorsicht walten lasst. Wir werden jetzt auf den Odilienberg reiten und nach einem Tor suchen. Selbst wenn es uns gelingt, unsere Verfolger in dieser Welt abzuschütteln und das Tor zu durchschreiten, sind wir noch nicht in Sicherheit. Denkt immer daran: Während unserer Abwesenheit hatte der Hexenbanner ausreichend Gelegenheit, sich vorzubereiten. Ich glaube nicht, dass der Kampf um den Konvent schon ausgestanden ist. Bleibt also in meiner Nähe.«
»Nichts lieber als das«, murmelte Ravenna. Sie schob die Schultern hin und her, um das Gewicht der Panzerung besser zu verteilen. Dann verließen sie die Küche.
Als sie in den Hof traten, war schon das erste, nebelgraue Dämmerlicht über dem Fluss zu sehen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. »Dunkelheit wäre weitaus besser für uns«, brummte Lucian, während er zu den Pferden schritt, die hinter dem Stall angebunden waren. Bei Ravennas Anblick scharrte Johnny mit dem Vorderhuf und zerrte am Strick. Sie kraulte ihn unter der dichten, warmen Mähne. Das zweite Tier war ein großer Rappe mit einer Blesse und einem weißen Hinterhuf. Während sie ihren Sattel hochhob, wunderte sie sich, wo Lucian dieses Tier aufgetrieben hatte. Bei jeder Bewegung klirrten die Kettenhemden leise.
»Wäre es nicht besser, wir würden das Auto nehmen? Eine Viertelstunde, dann sind wir auf dem Gipfel«, schlug sie vor.
Lucian schüttelte den Kopf, während er dem Rappen den Sattel auflegte und die Gurte schloss. »Wir sollten so schnell und so geräuschlos wie möglich von hier verschwinden. Und zwar auf dem Pferderücken, denn die Straßen wird man als Erstes absuchen, wenn man
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