Die Hexen - Roman
Helikopter nur für Sekunden gesehen. Sie dachte bloß daran, einen Unterschlupf zu finden, ein Versteck, in dem sie sich verkriechen konnten.
Am Lärm hörte sie, dass der Helikopter zurückkam. Sie versuchte, schneller zu rennen, doch das Kettenhemd behinderte sie. Lucian hielt das blanke Schwert in der Hand und suchte den Himmel ab, als ob er sich gegen das dröhnende Ungetüm verteidigen könnte.
»Dort! Kriecht dort hinein! Das ist das Druidengrab, dort wird man uns nicht sehen!«, keuchte Ravenna. »Du auch«, setzte sie hinzu und gab ihrem Ritter einen Schubs, als er keine Anstalten machte, sich zu bücken.
»Ihr zuerst«, widersprach Lucian. Er reichte Yvonne die Hand und stützte sie, während sie in das alte Hünengrab kletterte. Ein großer, flacher Stein bildete das Dach, die Wände bestanden aus Felsen. Ravenna schlitterte den Eingang hinunter und landete auf einer weichen Blätterschicht. Es roch nach altem Laub.
»Lucian!«, zischte sie, doch der Ritter blieb unter dem Eingang stehen und musterte den Himmel. Im Dunkeln streckte Ravenna die Hand nach ihrer Schwester aus. Sie merkte, dass Yvonne zitterte.
»Komm her! Setz dich zu mir und hab keine Angst!« Sie flüsterte, obwohl der Rotor über ihren Köpfen jedes Geräusch übertönte. Der Lärm kam und ging, offenbar kreiste der Hubschrauber über dem Gipfel des Odilienbergs. Schützend legte sie den Arm um Yvonnes Schultern und zog sie eng an sich. »Wir warten einfach ab, bis sich der Helikopter wieder verzogen hat, und dann sehen wir weiter. Hörst du? Es gibt bestimmt noch ein anderes Tor auf dem Odilienberg.«
Yvonne nickte und lehnte die Stirn an ihre Schulter. Die ganze Welt bestand jetzt aus den Granitwänden der Höhle und Lucians wachsamer Gestalt. Vielleicht hatte der Pilot die Pferde gesehen, denn er ließ den Helikopter so tief sinken, dass der Wind durch die Zweige der Bäume fuhr. Abgerissene Blätter gerieten in den Luftstrom und Lucian flatterte das Haar in die Augen. Aber er blieb stehen, bereit, die Schwestern auch gegen Dinge zu verteidigen, die er nicht begriff.
»Pass auf! Beug dich nicht zu weit vor, sonst entdeckt dich der Pilot!«, rief Ravenna ihm zu.
»Was ist das? Das da in deiner Tasche.« Yvonne zeigte auf Ravennas Oberschenkel. Unter dem Hosenstoff erschien ein tiefrotes Funkeln. Überrascht schob sie die Hand in die Tasche und zog das Siegel hervor. Melisendes Ring hatte sich stark erwärmt. Die Rubine, die in das alte Silber eingelassen waren, leuchteten und warfen kleine Lichtflecken an die Felsendecke der Höhle. Wie ein granatroter Mückenschwarm schwirrten sie durch das Druidengrab.
»Das Siegel ist erwacht«, flüsterte Ravenna. Yvonne streckte die Finger nach dem Schatz der Hexen aus, doch in letzter Sekunde hielt sie inne. Sie wagte nicht, den Ring zu berühren. Ravenna nahm das Amulett in die linke Hand. Als es auf ihrer ausgestreckten Handfläche lag, spürte sie, wie es Kraftströme an sich band. Es war dasselbe Gefühl wie an jenem Morgen, als sie und Lucian an der Esche in ihrem Hinterhof standen: Durch den Ring lief ein sanftes Ziehen, das sich nach oben und nach unten verbreitete. Der magische Strom.
Sie schloss die Augen. Jetzt!, dachte sie. Öffne das Tor und bring uns zurück in das Jahr 1253! Langsam begann sich die Windrose zu drehen. »Offanier!«, flüsterte sie. Das war das magische Wort, das die Tore öffnete. Der Sog, der durch den Ring floss, verstärkte sich. Mit einem leisen Sirren wirbelten die Zacken des Sterns um die eigene Achse, die langen im Uhrzeigersinn und die kürzeren entgegen. Für einen Augenblick schien es Ravenna, als welle sich der Boden unter ihr. Die Steinwände und sogar ihr eigener Körper wurden in den Hexenring gesogen. Dann ließ der Druck wieder nach.
Als sie die Augen aufschlug, saßen sie und ihre Schwester noch immer auf dem kalten Boden. Lucian lehnte in derselben, wachsamen Haltung am Eingang, doch der Helikopter hatte abgedreht. Das Knattern der Rotorblätter war verstummt und es war so still, dass der kleine Bachlauf in der Nähe wie ein Wasserfall toste.
Ravenna atmete aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie war nicht sicher, ob es gelungen war, denn sie hatte weder Ströme von Sternen gesehen noch gespürt, wie sie fiel. Nur der Ring in ihrer Hand hatte plötzlich seltsam schwer gewogen.
Behutsam schob sie Melisendes Schatz in die Hosentasche zurück. Dann reckte sie den Hals. »Was ist da draußen los? Ist der
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