Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
nach Gutdünken zurechtschnitzen konnte.
» So lasst uns die Debatte beginnen « , ließ Dominique de Guzmán nun eine helle, erstaunlich sanfte Stimme erklingen. » Ihr habt euch von der Mutter Kirche abgewandt, leugnet deren Weisheit und Kenntnis der göttlichen Botschaft. Aus welchem Grunde geschieht dies? «
Adelind musterte den Mann voller Erstaunen, denn sie vermeinte echte Neugier in seinem jungen, vor Eifer glühenden Gesicht zu erkennen. Er sah aus wie ein Mensch, den man vom ersten Anblick an mochte, da er fast schutzbedürftige Harmlosigkeit ausstrahlte. Ebendieses Fehlen von Stacheln und Dornen an einem offenbar wichtigen Kleriker stimmte sie aber auch ein wenig misstrauisch. Wie hatte er sich in diese Position gekämpft, wenn er doch so gar nicht einem Kämpfer glich?
» Heuchler seid ihr, die prassen und im Überfluss schwelgen, während das einfache Volk vor euren Augen elendig dahinsiecht! « , rief nun Durand de Huesca laut genug, um seine Stimme selbst bis zu der fürstlichen Tribüne dringen zu lassen. » Jesus Christus lebte in tiefster Armut, doch ihr verspottet seine Botschaft mit jedem Tag mehr! «
Nun erklang auf der katholischen Seite empörter Protest. Der Bischof Diego lief wieder dunkelrot an, doch welche Worte er auch immer rufen wollte, Dominique de Guzmán sorgte dafür, dass sie nicht ausgesprochen wurden, denn er flüsterte wieder beruhigend auf ihn ein.
» Seht euch in diesem Saal um, Durand de Huesca, und sagt mir, wie viele Katholiken hier im Überfluss prassen? « , fragte er dann völlig ruhig. » Bedenkt, dass die Menschheit stets der Führung weiser Männer bedarf. Jener Glanz, mit dem sie sich umgeben, soll auch die Größe Gottes in dieser Welt widerspiegeln. «
Stimmen verwoben sich zu einem undurchdringlichen Geflecht. Durand de Huesca wurde von einigen Mönchen, an deren Seite er saß, in Gespräche verwickelt, die leiser und etwas friedfertiger abliefen. Diego beriet sich weiter mit Dominique. Esclarmonde redete auf die zwei Männer an ihrer Seite ein, bis Guilhabert de Castres sich schließlich erhob.
» Die Wahrheit ist, dass diese Welt vom Teufel geschaffen wurde « , erklärte er laut. » Es ist völlig gleich, ob wir reich sind oder arm. Erst wenn wir in das Reich Gottes einkehren, finden unsere Seelen wieder zum Licht. «
Diese Worte brachten die übrigen Debatten zum Erliegen. Durand de Huesca brüllte laut, dass dies Unsinn sei. Diego schlug wieder mit dem Bischofsstab auf.
» Und wo soll dies in der Heiligen Schrift stehen? Gott der Herr hat diese Welt geschaffen. «
Guilhabert de Castres begann ohne Zögern:
»› Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Durch das Wort ist alles geworden, und ohne das Wort wurde Nichts, was geworden ist.‹ So heißt es im Johannes-Prolog. Dieses Nichts ist nicht Gottes Werk, dieses Nichts ist die von Satan geschaffene Welt. «
» Aber es heißt doch nur, dass ohne Gottes Wort nichts entstehen konnte, auch nicht die Welt « , entgegnete Dominique de Guzmán völlig ruhig. Adelind war überrascht, wie die Auslegung eines einzigen Wortes den ganzen Sinn eines Satzes hin und her wenden konnte. Durch diese Unklarheit entstand auch am Kopf der Tafel ein Gespräch zwischen katharischen und katholischen Bischöfen, an dem Esclarmonde sich angeregt beteiligte. Eingerahmt von dem schwarzen Schleier leuchteten ihre Wangen wie mit Karmesin bemalt. Adelind staunte, mit welchem Eifer die Gräfin sich in die Debatte stürzte, als fände sie ein ganz und gar weltliches Vergnügen an diesem verbalen Kräftemessen. Ihr selbst fiel es auf Dauer schwer, den teils heftigen, teils durchaus entspannten Disputen an allen Enden der Tafel ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war, als würden Worte ausgeweidet wie geschlachtete Tiere, um anschließend gewürzt und nach eigenen Vorstellungen serviert zu werden. Als der Morgen langsam in den Mittag überging, trugen Bedienstete auf Geheiß des Grafen Bretter mit Speisen auf. Adelind verzehrte genüsslich einen betörend duftenden Granatapfel, Weintrauben und Weißbrot. Sie sah, dass auch die einfachen katholischen Mönche ihnen gegenüber nun aßen und miteinander plauderten, als seien sie der theologischen Zwistigkeiten müde. Ein blasser Knabe, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war, hob gar eine Platte voller Speckscheiben, um sie Olivette hinzuhalten. Esclarmondes Tochter schüttelte verlegen den Kopf.
» Aber Daniel, die essen doch kein
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