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Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tereza Vanek
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Haut eines anderen Menschen einzudringen, doch nun hatte das Grauen sie in eine Rüstung gehüllt, damit sie ihm standhalten konnte. Mabile brachte eine Hornnadel und riss entsprechend Ursannes Anweisung ein kupferfarbenes Haar von ihrem Kopf, das als Faden dienen sollte. Dann hielt sie die Kerze, da es inzwischen stockdunkel geworden war. In der Hast, Wunden zu verbinden und Salben aufzutragen, war der schmächtige Knabe trotz heftiger Blutungen zu lange übersehen worden. Adelind begann nun, die Hautfetzen zu durchstechen, während Hildegard die Hand des wimmernden Verletzten hielt. Zu fünft überstanden sie den schwierigsten Eingriff dieses endlosen Tages. Ein weiterer Becher Rotwein wurde dem Jungen eingeflößt, dann fiel er in erlösenden Schlaf.
    » Wir sollten Gott danken, dass nicht alle tot sind « , sprach Adelind ihren ersten Gedanken aus, als sie mit Erleichterung beobachtete, wie die Brust des Verletzten sich regelmäßig hob und senkte. » Einige Leute aus Bezers kamen hierher. Und an andere Orte sind sie sicher auch geflohen. «
    Ursanne schwieg, streichelte nur mit tastenden Fingern die Stirn des Jungen.
    » Wenn bis morgen kein Fieber einsetzt, wird er überleben, denke ich « , murmelte sie. Hildegard schmierte eine Salbe auf die zusammengeflickten Wundränder.
    » Er war nicht aus Bezers, Dòna « , flüsterte Mabile. » Die meisten Flüchtlinge in der Stadt stammen aus kleinen Dörfern im Umland, durch die das Heer vorher zog und die sich gleich auf den Weg zu uns machten, weil sie auf die Sicherheit unserer Stadtmauer vertrauen. Vielleicht haben in Bezers einige überlebt, aber ich glaube, das Heer wird schneller hier sein als die Verwundeten. «
    Adelind fuhr zusammen. Für einen Moment vermeinte sie eine unsichtbare Hand an ihrer Kehle zu spüren, die ihr sämtliche Luft abschnürte.
    » Warum sollte dieses Heer denn ausgerechnet gen Carcassona ziehen? « , fragte Hildegard. » Wir wissen ja nicht einmal, was für ein Heer es war. Vielleicht waren es nur Raubritter auf Beutezug. «
    » Ein paar Raubritter wären niemals in der Lage gewesen, eine Stadt wie Bezers zu stürmen « , murmelte Ursanne, deren knotige Finger weiter das Gesicht des schlafenden Knaben streichelten. Mabile nickte nur.
    » Aber viele hier sind eindeutig Katholiken « , setzte Adelind nun zum Reden an. Die Erinnerung, einige hölzerne Kreuze an den Kehlen der Verwundeten gesehen zu haben, gab ihr die Luft zum Atmen zurück. » Wenn es ein Kreuzfahrerheer war, das im Auftrag Roms unterwegs ist, dann würden sie doch ihre Glaubensgenossen verschonen. «
    Hildegard nickte zustimmend. Ursanne schwieg, doch lag eine tiefe Trauer auf ihrem Gesicht, die sie plötzlich um viele Jahre älter wirken ließ. Adelind wurde bewusst, dass Ursanne wohl nicht mehr lange unter ihnen weilen würde. Auf einmal begann sie vor Angst zu zittern, obwohl sie keinen genauen Grund dafür hätte nennen können.
    » Mein Cousin sagt, sie sind wie Raubritter, die nur stehlen und morden wollen « , erklärte Mabile. » Aber sie sind im Auftrag des Papstes unterwegs. «
    » Der Papst würde dies nicht dulden « , hielt Hildegard dem störrisch entgegen.
    » Hast du denn vollkommen vergessen, was die katholische Kirche alles duldet, wenn es ihren Interessen entgegenkommt? « , zischte Adelind zornig und schämte sich sogleich, da Hildegard zusammenfuhr und ihr einen anklagenden Blick zuwarf.
    » Vielleicht hast du recht « , gestand die Schwester jedoch. » Aber wir dürfen nicht verzagen, sondern müssen beten und auf Gott vertrauen. «
    » Was den Leuten in Bezers aber nicht viel genützt hat! « , hörte Adelind sich ausrufen. Ursannes altes Gesicht wandte sich ihr zu.
    » Deine Schwester wollte nur sagen, dass es wenig Sinn macht zu verzweifeln und zu klagen « , mahnte sie. » Sollten wir sterben, so dürfen wir hoffen, als Vollkommene in Gottes Reich einzugehen. Doch bis zu diesem Augenblick müssen wir sein Werk auf Erden erfüllen und all jenen helfen, die mit ihrem Leid zu uns kommen. «
    Adelind lehnte sich zurück. Es klang alles so einfach für Ursanne, vielleicht, weil sie bereits eine alte Frau war, die wusste, dass ihre Tage in dieser Welt gezählt waren. Sie selbst spürte ein wildes Aufbegehren in ihrem Inneren. Sie wollte nicht sterben, nicht so jung, nicht so plötzlich. Aber Ursannes Worte schenkten ihr ein wenig Erleichterung, denn sie erinnerten daran, was zu tun war.
    » Da will schon wieder jemand herein, Dòna « , riss Mabile

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