Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
freundlich.
Marcia wollte nochmals auflachen, doch ein Strom von Blut schwappte aus ihrem Mund. Adelind ergriff einen der liegen gebliebenen Stofffetzen, um ihr die Wangen zu säubern, doch die Verletzte hob abwehrend den Arm.
» Erspare mir deine Barmherzigkeit! « , zischte sie. Für eine Weile rasselte ihr Atem, dann kam er allmählich zur Ruhe.
» Warum grollst du mir derart? Was habe ich dir getan? « , fragte Adelind. Ursanne hatte geraten, die Verletzte bis zum Morgen schlafen zu lassen, aber das Gespräch begann so persönlich zu werden, dass Adelinds Erschöpfung verflog und sie in Marcia nicht nur eine ihrer vielen Patientinnen sehen konnte.
» Zuerst nahmst du mir Peyres « , erwiderte die einstige Gauklerin nun völlig ruhig. » Deinetwegen stieß er mich fort wie eine aufdringliche Hure. Aber das ist jetzt unwichtig, ein Mensch muss auch verlieren können. Danach war ich von meiner Schwärmerei für ihn geheilt und suchte mir einen neuen Mann, der mich zu schätzen wusste. Es war das schönste Leben, das ich jemals hatte, aber dank euch Narren ist nun alles vorbei. «
Adelind knetete den Stofffetzen in ihrer Hand. Sie unterdrückte den Wunsch, Marcia anzuschreien, dass sie diejenige war, die Peyres an sich gerissen hatte. Marcia war eine Verletzte, und sie selbst war für ihre Heilung zuständig, mahnte sie sich.
» Es tut mir sehr leid, dass Bezers überfallen wurde und dass… dass… ich meine einfach alles, was geschehen ist. Aber warum sollte unsere domus Schuld daran tragen? «
» Weil es um euch ging. « Marcia zog sich die Decke bis zum Kinn. Ihre Zähne klapperten leicht, aber sie gab sich alle Mühe, klar und deutlich zu sprechen. » Zuerst verließ der Vescomte de Trencavel die Stadt, um hierherzuziehen. Carcassona schien ihm sicherer, und deshalb machte er sich aus dem Staub. Zwei Wochen später rückte das Heer an. Sie belagerten die Stadt und schickten uns eine Forderung. Eine Liste mit Namen wichtiger Katharer, die ausgeliefert werden sollten, dann wären sie bereit gewesen, einfach abzuziehen. Aber der Stadtrat war loyal eurer Kirche gegenüber und vertraute auf die Mauern. Doch ein paar Leute bekamen Angst und versuchten, aus der Stadt zu fliehen. Vielleicht wollten sie auch kämpfen, niemand kann es sagen. Das Heer nützte die Gelegenheit, um durch das geöffnete Tor hereinzustürmen. Was danach geschah, vermagst du dir nicht vorzustellen, kluge Betschwester. «
Adelind fröstelte. Sie vermochte sich tatsächlich nicht vorzustellen, wie es sein musste, wenn die ganze Bevölkerung einer Stadt niedergemetzelt wurde und man sich selbst mittendrin befand. Hilflos sah sie sich um, denn auf einmal sehnte sie sich nach jemandem, der ihr in diesem Gespräch Beistand leisten konnte. Hildegard war verschwunden, ebenso wie die meisten der sociae. Mabile hatte um die Erlaubnis gebeten, ihren Cousin aufzusuchen, und war dann sogleich hinausgeeilt. Rosa musste noch einmal den Boden gewischt haben, denn er schien recht sauber, und führte nun den Jungen, der Marcia hierhergebracht hatte, aus dem Spital hinaus. Er war unverletzt und brauchte nichts weiter als eine kräftige Mahlzeit und ein Lager für die Nacht, um wieder auf die Beine zu kommen. Sobald die Tür hinter den beiden zugefallen war, saß Adelind allein unter den zahllosen Verletzten, die kaum mehr als leises Stöhnen oder Schnarchen von sich gaben. Außer der Kerze in ihrer Hand brannte kein Licht mehr. Sie verspürte eine Bewegung an ihrem rechten Fußknöchel und sah sich erschrocken um, doch es war nur Lutz, der um ihre Beine strich. Seine Augen waren grüne Sterne in der Dunkelheit. Erleichtert über den unverhofften Trost schloss Adelind den weichen, warmen Tierkörper in ihre Arme.
» Ich verabscheue Katzen. Sie sind hinterhältig « , sagte Marcia. Adelind drückte Lutz enger an sich, um ihn vor diesen Vorwürfen zu schützen.
» Du selbst bist oft genug hinterhältig gewesen « , gab sie zurück, bevor ihr bewusst wurde, dass es sehr unchristlich war, derart mit einer Schwerverletzten zu sprechen.
» Das stimmt, aber am Ende nützte es mir nicht viel « , gab Marcia unumwunden zu. Dann hob sie eine Hand, um sie auf Adelinds Arm zu legen. Lutz sprang sogleich auf den Boden und huschte durch die angelehnte Tür aus dem Spital. Vermutlich wollte er bei Hildegard schlafen, wo er willkommen war. Adelind regte sich nicht, obwohl sie zugeben musste, dass auch ihr die Berührung nicht wirklich angenehm war.
» Du bist eine
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