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Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tereza Vanek
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aufzuschlagen. Eier rollten heraus, verwandelten sich in eine gelbe Masse, in der bald schon die Holzschuhe der Bäuerin steckten. Sie begann laut zu fluchen und packte den Arm des Fahrers, als wolle sie ihn mit Gewalt von seiner Karre hieven. Er versuchte, sich mit der Gerte zu wehren, doch ein paar hinzugeeilte Umstehende hinderten ihn daran. Bald schon debattierten zahlreiche Stimmen, ob er der Bäuerin ihre Eier nun zu ersetzen hatte oder nicht, während schmutzige Straßenkatzen ihre Mäulchen zwischen die zerbrochenen Schalen steckten, um so viel Eigelb aufzulecken wie nur möglich. Adelind lächelte. Es war ein ganz normaler Tag in Carcassona. Dass nur einige Meilen von hier das Grauen nahte, schien unvorstellbar.
    » Wir haben auch nicht geahnt, was geschehen würde « , sagte Samuel. » Es gab einige Gerüchte. Als der Vescomte Bezers verließ, gingen einige unserer Leute auch. Wir haben keine guten Erfahrungen mit Kreuzfahrern gemacht. «
    Er kicherte, und für einen Moment glich sein Gesicht wieder dem eines heranwachsenden Knaben.
    » Aber mein Vater liebte die Stadt. Er hatte viele Patienten dort. Er wollte nicht weg, sondern vertraute auf die Weisheit des Stadtrats und die Mauern.«
    » Es tut mir sehr leid, was dir widerfahren ist « , sagte Adelind und fand ihre Worte sogleich leer und sinnlos. Sie vermochten das Grauen, das Samuel erlebt haben musste, nicht aufzuwiegen.
    » Sie riet ihm zu gehen « , erzählte Samuel weiter. Nun hing sein Blick an Adelinds Gesicht, als sei er erleichtert, endlich eine Zuhörerin gefunden zu haben. » Sie war sehr… sehr verständig in weltlichen Dingen. Ganz anders als meine Mutter. «
    Adelind brauchte nicht zu fragen, wen er meinte.
    » Meine Mutter war noch kein Jahr tot, da brachte er diese… diese Christin in unser Haus, angeblich für die Verwaltung des Haushalts, aber mit diesem Vorwand konnte er niemanden täuschen. Meine Familie war darüber sehr aufgebracht, aber ich konnte sehen, wie glücklich sie ihn machte. Es schien mir nicht unrecht, dass er ihr dafür Schmuck und schöne Kleider kaufte, Dinge, die meine Mutter nie hatte haben wollen. Sie verdiente all das. «
    Adelind schenkte dem Jungen erstmals ein Lächeln und verzieh ihm seine bisher stets mürrische Miene.
    » Ich mochte sie. Sie war so… so hübsch. Ich habe niemals eine derart hübsche Frau gesehen « , redete er weiter, ließ dann seinen rechten Fuß über das Straßenpflaster fahren, als sei dieses Geständnis ihm peinlich. Adelind begann zu ahnen, dass Marcia nicht einfach ein Mutterersatz für ihn gewesen war.
    » Marcias Anblick ließ kaum einen Mann kalt « , versuchte sie ihn zu beruhigen. Er räusperte sich, um dann weiterzusprechen.
    » Ich mochte ihre Geschichten über das Wanderleben, das sie geführt hatte. Meine Tanten waren entsetzt, dass mein Vater ihr erlaubte, mit mir zu reden, aber sie erzählte nichts… nichts Unanständiges. «
    Marcia musste sehr zurückhaltend in ihren Berichten gewesen sein, befand Adelind, doch lernte sie jetzt eine neue Seite an der gerissenen Verführerin kennen. Ganz ohne Anstand war sie nicht gewesen.
    » Es ging alles ganz schnell. Zuerst wurden wir belagert, und schon am nächsten Tag waren sie in der Stadt. Überall schrien Menschen. Es roch nach Feuer. Von meinem Fenster aus habe ich gesehen, wie die Kathedrale in sich zusammenbrach, und staunte, warum christliche Ritter ihre eigenen Gotteshäuser zerstörten. Unser Heim erreichten sie erst spät, denn es befand sich weit entfernt von dem Tor, durch das sie eingedrungen waren. Marcia drängte meinen Vater die ganze Zeit, sich auf dem Dachboden zu verstecken, aber er meinte, dies hätte keinen Sinn, da sie das Haus anzünden würden. Stattdessen wollte er mit ihnen verhandeln und sich anbieten, ihnen freiwillig sämtliche Wertgegenstände und Geldvorräte zu übergeben. Mein Vater war immer so. Er dachte, durch Nachgiebigkeit könnte man Unheil abwenden. «
    Samuel scharrte nochmals mit dem Fuß, diesmal länger und hartnäckiger, als wolle er den Pflasterstein mit seiner hölzernen Schuhsohle abschleifen. Er sah Adelind nicht mehr ins Gesicht, sondern starrte geradeaus, doch schien er von seiner Umwelt noch weniger wahrzunehmen als die blinde Ursanne, die gewöhnlich auf jeden Hauch eines Geräusches reagierte.
    » Sie spießten meinen Vater auf ihren Schwertern auf, bevor er ein Wort sagen konnte. Dann warfen sie ihn aus dem Fenster. Marcia versteckte mich in jener Truhe auf dem Dachboden,

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