Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)
Er kennt alle Genüsse und verzichtet auf keinen einzigen!«
Auf Michelangelos Stirn erschien eine tiefe Zornesfalte. Er mochte es ganz und gar nicht, wenn gelästert wurde. »Ihr könntet auch ungeschminkt und ohne Maske als Possenreißer gehen!«, fuhr er den jungen Architekten heftig an. Peruzzi stutzte. Er hatte in seinem Scherz sowohl Gott als auch Michelangelo beleidigt, und jedes für sich genommen war schon unverzeihlich genug. Aber die harsche Reaktion des Bildhauers hatte ihn dennoch nicht eingeschüchtert.
»Wenn Ihr den Pantalone gebt?«, gab er mit gewinnender Stimme und sprach munter weiter:
»Warum reimt sich auf Gott nur Spott?
warum auf Sohn nur Hohn und Inquisition?
Obwohl es an dieser Stelle holpert,
weil mein Vers zum Scheiterhaufen stolpert.
Die Aussicht, auf dem Grill zu landen,
macht die beste Poesie zuschanden.«
»Ist das alles, was Ihr bei Messèr Donato gelernt habt?«, fragte Michelangelo mit verkniffenem Gesicht, denn er wusste, dass der junge Mann aus Siena inzwischen auch Bramante nahestand.
»Nach der Natur zu malen, zu bauen und zu dichten, ja, das habe ich mir bei Messèr Donato abgeschaut.«
Niemand konnte Peruzzi etwas verübeln, wenn er mit seinem jungenhaften Charme über das ganze Gesicht lachte, niemand außer Michelangelo, der ihn jetzt grob belehrte.
»Es wäre besser, Ihr würdet nach Gott malen, bauen und dichten lernen. Und wenn Ihr nichts vom Schöpfer aller Dinge wissen solltet, dann versucht Euch an einem Sonett, und Ihr werdet Gott begegnen.«
»Was quält dich, mein Freund?«, versuchte Sangallo den reizbaren Bildhauer zu beschwichtigen. Der ließ sich nicht lange bitten und stimmte sofort mit herzerweichendem Tremolo eine Klage an, als wäre er der Prophet Jeremias persönlich, dass er dringend Geld benötige, denn der Papst hielte ihn kurz und die Kosten explodierten. Die Schiffer hatten die Preise erhöht, weil die wiederholten Anschläge auf seine Steine ihre Barken und ihr Leben in Gefahr brachten. »Ein Teufel verfolgt mich!«, schloss Michelangelo finster seine Litanei und dachte bei sich, dass dieser Donato Bramante hieß.
»Das mag ja alles sein, Angiolo, aber Julius hat dir doch nicht gerade wenig gezahlt!« Sangallo schüttelte sein mächtiges Haupt mit den langen mattschwarzen Locken, die von ersten grauen Strähnen durchzogen waren. Dass der Bildhauer für das Grabmal eine außergewöhnlich hohe Anzahlung bekommen hatte, die allein schon genügt hätte, das ganze Mausoleum zu finanzieren, war in Rom ein offenes, von interessierter Seite verbreitetes Geheimnis. Neider gab es deshalb zuhauf.
»Ich weiß, was geredet wird. Aber glaubt mir, gemessen an den Kosten war es zu wenig. Ich werde den Heiligen Vater um Geld bitten müssen!«
Vergeblich versuchte Sangallo, den Freund davon abzubringen. Ihm war bekannt, dass sich Julius II. inzwischen über die ständigen finanziellen Forderungen des Künstlers ärgerte. Dabei hatte der Papst noch nicht eine einzige Statue zu Gesicht bekommen, nicht einmal die bossierten Marmorblöcke. Alle Nachfragen tat Michelangelo mit Ausreden ab. Sangallo spürte, dass sich eine Auseinandersetzung anbahnte. »Angiolo, bitte verzichte darauf, überspann das Band nicht!«
Michelangelo fühlte sich unverstanden und lachte bitter über den Rat des väterlichen Freundes. Düster sah er in die Runde, als erwartete er, dass die Männer sogleich eine Sammlung für ihn veranstalteten. Dann sprang er wütend auf. »Glotzt mich nicht so an! Ich bin ein armer Mann, das Elend nagt an mir. Wie soll ich da Kunstwerke schaffen? Ihr haut euch den Wanst voll und redet über das Bild des armen Lazarus, während euch das Fett aus den Mundwinkeln tropft!«
Er hatte sie alle so gründlich satt, diese ganze selbstzufriedene Bande. Natürlich hatte er viel Geld erhalten, aber für ihn viel zu wenig. Lebte er denn wie ein Verschwender? Seine Einrichtung bestand nur aus einem schmalen Bett, einem alten Tisch und zwei Holzstühlen, ungepolstert. Er ging nicht ins Bordell und aß wie die armen Handwerker das billige Graubrot mit Gemüse und Salat, selten Fleisch und trank einen Weißwein, den er verdünnte und dem überdies die Bezeichnung Essig schon eine ungeahnte Süße verliehen hätte. Wenigstens zwei Landgüter musste die Arbeit abwerfen. Besser noch drei. Tagtäglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend plagte er sich mit einer Härte, die keine Bezahlung aufwiegen konnte. Und war es denn seine Schuld, dass er fast alles allein
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