Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)
einer schäbigen Tür, deren Bretter unten und oben mürbe und zerfallen waren. Es roch modrig. Die Wände glänzten feucht und schwarz. Mit einem kurzen, harten Tritt sprengte Gustavo die Tür auf. Drinnen riss eine Frau, vermutlich die Geliebte des Narbengesichts, erschrocken die Hände an den Kopf. Ascanio schob sie unsanft beiseite und trat in das Zimmer, in dem eine junge Frau mit langem, fettigem Haar in einer undefinierbaren Farbe auf einem Schemel hockte und Knoblauch schnitt. Gut möglich, dass nicht die Alte, sondern die Junge das Liebchen des Entführers war. Ganz gleich, er würde beide befragen.
»Wenn ihr vernünftig seid, passiert euch nichts«, fuhr er sie barsch an und zog seinen Dolch. Die Augen der Frauen weiteten sich. Die Ältere schielte zu einem großen Kessel auf der steinernen Kochstelle.
Ascanio konnte bequem dem langsamen Gang ihrer Gedanken folgen. »Daran würde ich an deiner Stelle nicht einmal im Traum denken«, raunzte er sie an. »Wo ist das Narbengesicht?«
Die beiden Frauen warfen sich einen ängstlichen Blick zu. »Ich kenne kein Narbengesicht. Ihr müsst mich verwechseln, Herr!«, beteuerte die Ältere.
Ascanio ging ungerührt zum Herd, schaute in den Kessel, in dem Nudeln kochten, zog mit einem lauten Geräusch den Schleim hoch und spuckte kräftig hinein. Die beiden Frauen reagierten nicht. Das Essen schien ohnehin nicht für sie bestimmt zu sein. »Für wen kochst du so viel Pasta?«, fragte Ascanio freundlich.
»Ich betreibe eine Küche für die Schiffer.«
Ascanio lachte so laut, als hätte er den besten Witz seines Lebens gehört. Dann versteinerte sich sein Gesicht. »Das Narbengesicht ist so gut wie tot. Rettet wenigstens euer Leben. Ich habe kein Interesse daran, euch abzustechen. Mit euch habe ich keinen Streit.«
Wieder schauten sich die beiden Frauen an. Diesmal antwortete die Jüngere, die mit dem langen, fettigen Haar. »Warum sollten wir Euch trauen?«
»Weil ich das, was ich wissen will, auf die eine oder andere Art sowieso erfahre«, erklärte Ascanio. »Die Frage ist nur, ob ihr unbeschadet und mit einem kleinen Lohn aus der Geschichte geht oder ob ihr mich zwingt, euch zu foltern und zu töten. Das wird nach der peinlichen Befragung keine große Sache mehr sein. Die Entscheidung liegt ganz bei euch.«
Die ruhige Gelassenheit, die Ascanio ausstrahlte, gab den Frauen das Gefühl, dass er ihnen nichts vormachte, sondern so handeln würde, wie er es angekündigt hatte. Ihr Umgang mit Spitzbuben hatte sie zu unterscheiden gelehrt, wann sie einen Fachmann und keinen Schwätzer vor sich hatten. Die Ältere nickte dem Mädchen zu.
»Was haben wir davon, wenn ich dir meinen Mann ausliefere?«, fragte die Junge.
»Zwei Goldscudi!« Ein schiefes Lächeln erschien auf ihrem schmutzigen Gesicht. So viel Geld hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen! Doch der Preis für den Verrat an ihrem Mann ging in Ordnung – er betrug das Zehnfache von dem, was ein Auftragsmord für gewöhnlich kostete.
»Gut, wir kochen für die Männer.«
»Wo sollt ihr das Essen hinbringen?«
»In die Kirche Santi Cosma e Damiano.«
»Die auf dem Forum?«, fragte Ascanio. Die beiden Frauen schauten den Fremden wie blöde an, sie wussten offensichtlich nicht, was er meinte. »Auf dem Campo Vaccino« , verbesserte er sich.
»Genau die Kirche! Die, welche geschlossen ist!«, krähte die Alte.
»Und wer soll das Essen hinbringen?«
»Wir beide.« Ascanio und Gustavo musterten die beiden Frauen skeptisch. »Wir wollten uns ein paar junge Burschen mieten, die tragen helfen.«
»Ihr habt die Burschen gefunden«, sagte Ascanio und grinste Gustavo an. »Wir werden dicht hinter euch sein. Eine falsche Bewegung, und ihr macht zum ersten und zum letzten Mal Bekanntschaft mit meinem Dolch.«
Nicht lange darauf näherte sich eine kleine Gruppe der Kirche, die den beiden heiligen Ärzten aus Byzanz geweiht war. Es war eine seltsame Prozession: Vorn schritten die beiden Frauen, gleich dahinter ging Ascanio mit einem Korb mit Graubrot unter dem Arm. In der anderen hielt er den Dolch im Ärmel. Er trug einen schwarzen Verband über einem Auge und hatte einen schäbigen Federhut tief ins Gesicht gezogen. Ansonsten trug er eine Kniehose und einen Umhang aus braunem Sackleinen. Ihm folgten Baccio und Eugenio, die beide eine Filzkappe auf den Kopf gestülpt hatten und einen dicken Holzknüppel trugen, an dem zwischen ihnen der schwere eiserne Kessel mit der Pasta schaukelte. Den Schluss bildete der
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