Die Legende von Shannara 01 - Brooks, T: Legende von Shannara 01
nach. Wie wohl Panterra Qu das Ganze aufnehmen würde, wenn er die Wahrheit erfuhr? Denn er war am schlimmsten getäuscht worden, hatte Arik Sarn fast wie seinen Freund behandelt und die anderen dazu gebracht, seinem Beispiel zu folgen. Sie mochte gar nicht darüber nachdenken, wie er sich fühlen musste, falls sich herausstellte, dass Prue Liss als Folge dieses Verrats zu Schaden gekommen war.
Aus diesem Grund bot die Vorladung ihrer Großmutter einen willkommenen Vorwand, an etwas anderes zu denken, als an die Aufregung wegen des Trolls. Einer der alten Knacker überbrachte die Einladung. Es war diesmal nicht derselbe wie zuvor, sondern ein anderer, dessen Namen sie eigentlich ebenfalls kennen sollte, an den sie sich aber nicht erinnern konnte. Sie nahm den Brief, den er ihr aushändigte, und wartete darauf, dass er wieder ging. Aber er schüttelte den Kopf und bedeutete ihr, das Siegel zu brechen und den Inhalt vor seinen Augen zu lesen. Sie tat es mit einem herablassenden Schulterzucken.
Die Vorladung las sich wie folgt:
Bitte begib dich umgehend in mein Landhaus , um mit mir über eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit zu reden . Der Überbringer dieser Nachricht wird dich begleiten . Erzähl niemandem davon . Komm allein .
Es gab weder Gruß noch Anrede. Und es gab auch nichts zu diskutieren. Die herrische Art und Weise ihrer Großmutter schimmerte durch jedes einzelne Wort der barschen Epistel. Phryne seufzte resigniert, faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in ihr Gewand.
»Geht voran«, forderte sie den Boten auf.
Sie machten sich auf den Weg durch die Stadt, folgten den vertrauten Straßen und Wegen, die zu den Randgebieten führten, und erreichten schließlich das einsame Landhaus ihrer Großmutter. Es war ein bewölkter, grauer Tag; die Luft schmeckte nach Regen, und sie meinte das Flüstern einer aufziehenden Kaltfront zu vernehmen. Sie blickte ein oder zwei Mal zu den Bergen hinauf, wenn sich zwischen den Bäumen eine Lücke auftat, und fragte sich, ob Sider Ament Arik Siq wohl hatte abfangen können. Sie wollte wieder zurück zum Aphalionpass, um mit den Orullians an den Barrikaden auf den inzwischen unausweichlich scheinenden Angriff auf das Tal zu warten. Aber ihr Vater hatte es ihr verboten, weil er sie in seiner Nähe behalten wollte, bis er genauer wusste, was geschehen würde.
Als ob das etwas am Ausgang der Ereignisse ändern könnte, dachte sie düster. Als ob irgendetwas von dem, was sie in der Stadt versuchten, irgendetwas bewirken würde.
Sie dachte auch an Prue Liss, wagte es jedoch nicht einmal, sich die brenzlige Lage vorzustellen, in der sich das Mädchen befand.
Der Marsch zu ihrer Großmutter dauerte knapp zwanzig Minuten, und als sie ankamen, saß ihre Großmutter zu Phrynes Überraschung vollständig bekleidet in einem Schaukelstuhl auf der vorderen Veranda. Ihr graues Haar war fein säuberlich gekämmt und hochgesteckt, sie war sorgfältig geschminkt, und um die schmalen Schultern hatte sie ihren Lieblingsschal geschlungen. Sie brachte sogar ein knappes Lächeln zustande.
»Danke, Gardwen, du kannst gehen«, verabschiedete sie ihren alten Verehrer und winkte ihm huldvoll mit ihrer knochigen Hand zu. »Gut gemacht, Lieber.« Sobald er ihr den Rücken zukehrte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Phryne. »Du kommst prompt. Ich nehme das als ein gutes Zeichen.« Sie deutete auf einen Schaukelstuhl, der direkt neben ihrem stand. »Setz dich bitte zu mir.«
Phryne tat wie verlangt, nahm Platz und faltete die Hände. Sie war neugierig zu erfahren, warum sie so formlos herzitiert worden war.
»Dein Vater macht im Moment die schlimmste Krise in der Geschichte der Elfennation durch, seit den Zeiten, als Kirisin Belloruus unser Volk in dieses Tal geführt hat«, erklärte Mistral Belloruus leise, lehnte sich in dem Schaukelstuhl zurück und betrachtete ihre Enkelin mit traurigen Augen. »Das ist eine furchtbare Bürde.«
»Vater wird wissen, was er zu tun hat«, erwiderte Phryne.
»Unsinn! Keiner weiß, was zu tun ist. Denn noch ist niemandem überhaupt klar geworden, was getan werden muss.« Mistral Belloruus war offenkundig nicht in Stimmung für Gemeinplätze. »Abgesehen von mir vielleicht. Das ist der Grund, warum ich dich kommen ließ. Ich bin eine alte Dame, Phryne. Nein, sag jetzt ja nichts Albernes, zum Beispiel wie jugendlich ich noch wäre oder wie viele Jahre mir noch vergönnt wären. Hör einfach zu, was ich zu sagen habe. Ich bin uralt. Das ist
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