Die Legende von Shannara 01 - Brooks, T: Legende von Shannara 01
an sich keine üble Sache, aber es schränkt die Möglichkeiten, etwas zu bewerkstelligen, beträchtlich ein. Ich komme mir zwar auf vielerlei Weise immer noch jung vor, vor allem, weil ich mich noch sehr gut daran erinnern kann, wie es ist, jung zu sein, aber ich bin alt. Punktum. Es ist wichtig, Wahrheiten zu akzeptieren, auch wenn sie unbequem sind.«
Sie schaukelte ein wenig und blickte in den Himmel. »Und so sieht es aus: Wir sind am Ende einer Ära angelangt und sehen uns einer großen Bedrohung gegenüber. Was sollen wir tun? Die meisten werden sagen, sie wissen es nicht. Aber ich weiß es, Phryne. Ich habe es immer gewusst. Weil ich bin, wer ich bin. Wegen meiner Herkunft.«
Phryne hatte nicht den Hauch eines Schimmers, wovon ihre Großmutter da redete, und sie weigerte sich, einfach stumm danebenzusitzen und sich zu fragen, ob denn wohl noch eine Erklärung folgen würde. »Was glaubst du denn, was wir tun müssen, Großmutter? Wenn du es weißt, dann sag es mir. Ich habe Angst um uns alle. Ich habe gesehen, was da draußen vor dem Tal wartet. Diese Trollhorde, dieses Heer ist gewaltig, und ich weiß nicht, ob wir stark genug sind, um es aufzuhalten, falls sie beabsichtigen, mit Gewalt ins Tal vorzudringen. Selbst dann nicht, wenn sich alle Rassen einigen sollten und zusammenstehen, was meiner Meinung nach kaum geschehen wird.«
»Das hast du sehr gut erkannt«, erwiderte ihre Großmutter. »Sie werden sich nicht vereinigen, weil sie nicht wissen, wie. Sie werden es allmählich lernen, aber sie werden viel Zeit dafür benötigen. Bis dahin muss etwas unternommen werden, was ihnen die notwendige Zeit verschafft. In den alten Zeiten hätten die Ritter des Wortes an vorderster Front gestanden. Aber heutzutage bringen sie sich gegenseitig um und vergessen ihre Pflicht. Jedenfalls hat das der letzte Stabträger der Belloruus verbrochen. Er hat den Preis für seine Dummheit bezahlt. Jetzt ist nur noch Sider Ament da, aber er allein ist nicht stark genug.«
Sie richtete ihren Blick wieder auf Phryne und beugte sich vor. »Hilf mir hoch, Mädchen. Ich will ein Stück gehen.«
Phryne stand auf, nahm den Arm ihrer Großmutter und half ihr beim Aufstehen. Die alte Frau fühlte sich so leicht und zerbrechlich an wie feines Kristall. Aber Phryne wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Im Inneren ihres gebrechlichen Körpers hatte Mistral Belloruus Knochen aus Stahl.
»Hier entlang, die Treppen hinunter«, befahl sie jetzt und lenkte Phryne mit kleinen Gesten ihrer knochigen Hände.
Sie stiegen die Treppen hinunter, und Phryne hielt ihre Großmutter ganz fest, weil sie bei jeder Stufe fürchtete, sie könnte stürzen. Aber die Bewegungen der alten Frau waren bestimmt und zielgerichtet, und sie strauchelte nicht. Sie erreichten den moosbewachsenen Gehweg und schickten sich an, seinem brüchigen Verlauf bis in die Gärten zu folgen, die man hinter dem Haus angelegt hatte.
»Eigentlich hatte ich nicht beabsichtigt, schon so frühzeitig über das hier zu sprechen«, erklärte ihre Großmutter, als sie den Garten betraten. »Ich wollte damit noch ein wenig warten, um dir Gelegenheit zu geben zu beweisen, dass du bereit dafür bist. Dass du auf das gehört hast, was ich dir über das Erwachsenwerden erzählt habe und dass du über ein reifes Urteilsvermögen verfügst. Ich hätte dich gerne mehr Erfahrungen sammeln lassen. Aber in diesem Leben bekommen wir nicht immer das, was wir gern möchten. Genaugenommen bekommen wir in den seltensten Fällen, was wir uns wünschen. Alles bleibt halbgar und unausgegoren. Und in einer solchen Situation befinden wir uns jetzt.«
Phryne nickte, hatte aber keine Ahnung, worüber sie sprach. »Das kann schon so sein. Aber gefallen muss es uns deshalb nicht.«
»Wir sollten es auch nicht einfach hinnehmen müssen. Meistens tun wir es auch nicht. Wir begreifen, dass die Chancen schlecht für uns stehen, aber trotzdem strecken wir uns immer noch nach etwas mehr. Und jedes Mal mühen wir uns nach Kräften, weil wir ab und zu dann doch genau das bekommen, was wir uns wünschen.«
»Ist das der Grund, warum wir jetzt hier sind?«, mutmaßte Phryne.
Ihre Großmutter schaute sie an. »Allerdings. Wir werden beide unser Bestes geben und darauf hoffen, dass wir erfolgreich sind. Wir beide, Phryne.« Sie schwieg erwartungsvoll. »Du fragst dich jetzt bestimmt, wovon ich rede?«
Phryne grinste unwillkürlich. »Das muss ich zugeben, ja.«
»Dann komme ich wohl am besten auf den Punkt und
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