Die Legenden der Albae: Tobender Sturm (Die Legenden der Albae 4) (German Edition)
Nodûcor schaute und versuchte, sich die Neugier nicht anmerken zu lassen. Das ist mehr als Interesse. Das ist schlecht verborgenes Wissen. Ist er ein Cîaoi? »Ich dachte, dass mir wenigstens eine Unterkunft und ein Ehrenplatz zuteil werden.«
»Weswegen?«, schnarrte Shôtoràs.
»Du beugtest dein Haupt vor den unauslöschlichen Geschwistern und folgtest ihren Befehlen. Ich bin ihr Spross …«, setzte er an.
»Du kannst meinetwegen Inàstes Sohn sein. Oder Samusins. Oder Tions«, unterbrach ihn der kräftige Regent harsch und warf die Haare zurück. »Sie wären mir alle willkommener als du, Aiphatòn, Sohn von Feiglingen.« Shôtoràs stützte die muskulösen Unterarme auf das Pult und lehnte sich nach vorne. »Deine Eltern flüchteten zu dem Splitter der Unendlichkeit, als ihr Volk sie am dringendsten brauchte. Sie ließen die Überlebenden im Stich, während sie sich in die schöne neue Welt begaben, um ein neues Dsôn zu errichten. Sie vergaßen uns.«
Aiphatòn schwieg. Mit Hass auf die Unauslöschlichen hatte er nicht gerechnet. Abgekühlte Verehrung – ja, ersehnte Rückkehr – schon eher. Aber die völlige Ablehnung – niemals.
Shôtoràs schnaubte verächtlich. »Weißt du, was wir mit ihnen täten, wenn sie vor unseren Toren stünden?«
»Ich vermute: sie nicht hereinbitten, wenn ich dich richtig verstehe.«
»Mit Geschossen übersäen«, erwiderte der gepanzerte Krieger entschieden.
»Durch Magie zu Asche verbrennen«, fügte der Robenträger wispernd hinzu und war durch die Beschaffenheit der Halle dennoch sehr gut zu vernehmen.
»Damit Samusin sie davonweht und uns vom Hals schafft«, ergänzte die Rothaarige süffisant.
Das war deutlich. Aiphatòn wartete schweigend.
Shôtoràs setzte sich gerade hin. »Mit dem Weggang nach Tark Draan wurden sie in unseren Augen zu Verrätern. Verräter an denen, die ihnen die Treue hielten.« Er deutete auf sich. »Ich wuchs in Dsôn Faïmon auf, ich schlug viele Schlachten für sie – und das war ihr Lohn? Sie wandten sich ab und kümmerten sich nicht. Keine Nachricht, kein Bote drang zu uns.« Er schlug mit dem Stock auf die Pultoberfläche. »Für uns in Dâkiòn sind sie in die Endlichkeit gegangen, als sie durch das Graue Gebirge marschierten. Sie stahlen sich davon, heimlich. Wie Feiglinge es eben tun, anstatt sich gegen das Schicksal zu stemmen.«
Aiphatòn atmete ein. Was tue ich nun? Noch entstand kein neuer Plan in seinem Verstand, und noch weniger konnte er vorhersehen, was als Nächstes in der Halle geschehen würde.
»Nun bist du ratlos.« Shôtoràs drehte den Stock um die eigene Achse, der metallene Raubvogelkopf wirbelte. »Du dachtest, wir hüllen dich in goldene Gewänder oder tragen dich auf einer Sänfte durch unsere Stadt und stünden fortan unter deinem Befehl.«
Wieder lachten seine Begleiter und die Wachen.
»Sage uns doch, warum du Tark Draan verlassen hast?«, fragte die Rothaarige schneidend. »War es die Feigheit, nachdem deine Eltern nicht mehr lebten? Suchst du einen Ort zum Verkriechen, kleiner Shintoìt?«
Der Alb in der schweren Rüstung beugte sich zu Shôtoràs und raunte ihm etwas zu, woraufhin der Alte die Arme ausbreitete und ein freudig-überraschtes Gesicht machte.
»Oh, Tanôtaï tut dir Unrecht! Du warst selbst ein Herrscher! Dieser Abschaum, der vor etwa zwanzig Teilen hier auftauchte, erwähnte deinen Namen. Mein Freund erinnerte mich daran: Aiphatòn , der mächtige Kaiser der Albae von Tark Draan !« Nach einer dramatischen Pause verfiel er in wieherndes Gelächter, in das alle einstimmten.
»Wenn das so ist, mächtiger Kaiser: Ist dein Reich untergegangen?«, sprach Tanôtaï gespielt mitleidig in die Heiterkeit. »Möchtest du uns überreden, mit dir zum Steinernen Torweg zu ziehen und die bösen Zwerge und die schlechten Barbaren und die dämonischen Elben zu vernichten?«
»Ich bin sicher, du würdest sie mit deiner spitzen Zunge erstechen.« Aiphatòn deutete eine Verbeugung an. »Ich verließ Tark Draan, weil die Zeit der Albae dort zu Ende ging, und …«
Shôtoràs lehnte sich in den Sessel. »Wie seine Eltern«, sagte er zu seinen Begleitern, während er den Kopf nach rechts und links wandte. »Sein Reich geht unter, und statt mit ihm kämpfend abzutreten, flüchtet er und möchte sich ins erbaute Haus setzen.« Er richtete die Augen auf ihn.
Aiphatòn lag auf den Lippen, dass sich der Regent selbst ins erbaute Haus gesetzt hatte, schwieg aber lieber.
»Hier wirst du nichts erhalten,
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