Die Legenden der Albae: Tobender Sturm (Die Legenden der Albae 4) (German Edition)
Irïanora und gab die Furchtlose so überzeugend, wie sie zuvor die Erschrockene beim Anblick der toten Dienerin gespielt hatte. Sie verneigte sich leicht. »Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt? Ich möchte ein anderes Kleid anziehen.«
Ôdaiòn brach in schallendes Gelächter aus, in das Modôia einfiel.
»Geht nur. Meine Dienerin …«
»Ich begleite Euch«, sagte ihr Sohn rasch und warf die Peitsche achtlos auf den Sessel. »Ihr werdet von den Gemächern begeistert sein, die ich Euch aussuchte.«
»Zu aufmerksam.« Irïanora verbeugte sich erneut. Kleine, rote Tropfen stürzten von ihr und fielen leise klatschend auf den Marmor.
Modôia schien sich gut unterhalten zu haben. »Dann macht Euch frisch, wählt eine andere Garderobe, und ich erwarte Euch zum Essen.«
Ôdaiòn nahm Irïanoras Hand und führte sie hinaus.
Die Albin dachte gar nicht daran, ihr zerstörtes Kleid zu richten. Der Sohn der Herrscherin sollte ihren Anblick genießen. Sie wollte sein Verlangen anfachen und sich möglichst rasch mit ihm einen Verbündeten schaffen. Wer weiß, was seine Mutter mit mir plant.
Irïanora wurde durch Gänge und Galerien geleitet, die in hellem Blau und Weiß gehalten waren.
Die Knochenkunst auf Elhàtor beschränkte sich auf die Verarbeitung von gewaltigen Knochen und Gräten, weder die Gebeine von Barbaren noch anderen Bestien wurden sichtbar. Zwei quallenartige Wesen von vier Schritt Durchmesser waren mithilfe von Stoff nachgebildet worden und schienen durch eine Halle zu schweben, Laternen im Innern weckten den Anschein, als leuchteten sie.
Seeluft brachte die Vorhänge zum beständigen Wehen, gelegentlich erhaschte Irïanora einen Blick auf die Wogen vor der Insel.
Nach etlichen Treppenstufen gelangte sie in ein Turmzimmer, wo sich bereits ihre Kleidertruhen befanden, bis auf jene, in der die Leiche der ermordeten Dienerin gelegen hatte. Ein Bad war ebenso gerichtet, es duftete nach Lavendel und Zitrusfrüchten aus dem warmen Wasser.
Ohne zu fragen, entkleidete Ôdaiòn Irïanora.
In Dâkiòn hätte sie den aufdringlichen Alb hinauswerfen lassen, doch es gehörte zu ihrem Plan, ihn anzuködern wie einen fetten Fisch. Daher biss sie sich auf die Lippen, ihre Schnitte und Kratzer rebellierten brennend.
Lächelnd half er ihr in die Wanne und nahm einen Schwamm, um sie behutsam vom Blut zu säubern. »Seid unbesorgt. Unsere Heiler werden Eure blauen Flecke, die ohne Zweifel von Shôtoràs stammen, und die Wunden anschließend verschwinden lassen«, sprach er samten. Er drückte den Schwamm in ihrem Nacken aus. Warmes Wasser rann ihren Rücken hinab, und sie schauderte wohlig. »Verzeiht meiner Mutter das kleine Spiel, doch sie war der Meinung, dass Ihr für Eure Tat leiden müsstet.«
»Ihr nicht?«
»Ich sah Euch und wusste, dass ich Euch nichts Schlimmes zufügen kann«, raunte er in ihr Ohr und küsste behutsam die nackte Schulter.
Irïanora lachte kalt. »Die Worte gehen Euch glatt über die Lippen.«
»Ich sage sie jeder schönen Frau«, gab er mit einem Lächeln zurück. »Weil sie wahr sind.«
»Eure Peitsche traf mich trotzdem.«
»Sie ritzte Euch«, stellte er richtig. »Meine Schläge hätten euch allesamt nur angekratzt, im Gegensatz zu den Hieben meiner Mutter.« Ôdaiòn küsste die verletzte Stelle an ihrem Hals. »Sie neigt zur Gemeinheit. Man merkt, dass sie lange Zeit in Tark Draan lebte.«
»Also erhielt ich meine Strafe und darf zurück?« Irïanora legte eine Hand an seine Wange, die sich weich und gepflegt anfühlte. Komm, mein kleiner Fisch. Geh in mein Netz. »Oder darf ich Euch noch etwas Gesellschaft leisten?«
»Es wäre mir ein Vergnügen, auch wenn Ihr versuchen werdet, für Euren Oheim zu spionieren.« Er zwinkerte ihr zu und rieb sich mit den nassen Fingern durch seine halblangen Haare.
»Ich hasse ihn«, entfuhr es ihr zu schnell.
Ôdaiòn lachte. »Dann seid Ihr zweifach willkommen auf Elhàtor. Wir nehmen die Albae gerne auf, die sich vom Regenten lossagen, was in letzter Zeit nicht mehr so häufig geschah. Ihr könntet eine Auswanderungswelle in Gang setzen.« Er küsste ihre Handinnenfläche, dabei drückte er den Schwamm an ihrer Kehle aus, sodass das Wasser über ihre Brüste rann. Dann beugte sich Ôdaiòn nach vorne, seine Lippen legten sich behutsam auf Irïanoras.
Sie erwiderte die Zärtlichkeit ohne großes Verlangen. Ich werde mich gewiss nicht in ihn verlieben , dachte Irïanora. Mit ihm spielen, ja. Aber nicht umgekehrt. Er ist mein Fisch.
Als
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