Die Legenden der Albae: Tobender Sturm (Die Legenden der Albae 4) (German Edition)
auf den Tisch. »Ich vergaß völlig, die gute Leïóva vorzustellen. Welch Fehltritt.«
Irïanora nickte ihr zu.
»Sie ist Mutters engste Vertraute. Mit ihr teilt sie sogar Sorgen, die sie vor mir verheimlicht.« Ôdaiòn setzte sich wieder richtig hin und löffelte mit einem Zwinkern weiter. »Auch wenn es mich schmerzt, so herabgesetzt zu werden.«
Irïanora musterte die Albin heimlich und mochte sie auf der Stelle nicht. Etwas stimmt nicht mit ihr. An den hübschen Gesichtszügen lag es ebenso wenig wie an der Statur oder Haltung. Ihr Duftwasser?
»Leïóvas Tochter befehligt eines unserer größten Handelsschiffe«, führte Modôia aus. »Sie ist die beste Kommandantin, die wir haben.« Sie deutete mit dem Besteck auf ihren Sohn. »Sie und mein Sohn …«
»… sind Freunde, Mutter. Nicht mehr«, unterbrach er mit einer Spur amüsierter Leichtigkeit. »Aber das ist ein Bereich meines Lebens, der unsere Gäste langweilt.« Er sah zwischen Irïanora und Saitôra hin und her. »Wie gerne würde ich Euch beide herumführen und die Schönheit von Elhàtor zeigen. Aber solange nicht geklärt ist, wie es weitergeht, muss ich davon absehen«, erklärte er mit der freundlichen Überheblichkeit in seiner Stimme.
Saitôra blickte zu ihrer Freundin. »Was bedeutet das? Ich darf doch wieder nach Dâkiòn?« Die junge Albin blickte die Herrscherin an. »Ich sagte Euch alles, was ich …«
»Sch«, machte Modôia freundlich und legte den Löffel zur Seite. »Keine Angst, meine Liebe. Diese Entscheidung fällt nur eine an diesem Tisch.«
Die Bediensteten räumten die Suppe ab und brachten Teller mit aufgebrochenen Krebspanzern, diversen Muschelsorten und einem Stück Languste, deren Inneres knusprig gebraten war. Die Herrscherin ersparte sich dieses Mal die Erläuterungen.
Irïanora konnte die Augen nicht von Leïóva wenden. Was ist an ihr? »Verzeiht«, richtete sie das Wort an sie, »doch kenne ich Euch aus Dâkiòn? Habt Ihr dort Familie? Soll ich ihnen eine Nachricht …«
Ôdaiòn prustete los, Leïóva und Modôia zeigten Erheiterung.
»Sagte ich etwas Dummes?« Irïanora wusste die Reaktion nicht zu deuten.
»Nein«, antwortete Leïóva schlicht und aß weiter.
»Also keine einstige Bewohnerin Dâkiòns?«
»Nein.«
Irïanora fühlte sich unbehaglich und durch ihre Unwissenheit vorgeführt. »Dann seid Ihr eine Nachfahrin der Albae, die sich nach dem Untergang von Dsôn Faïmon in der Ödnis behaupteten, und kamt irgendwann auf die Insel?«
»Ich kam hierher, nachdem mein Volk so gut wie vernichtet war, ja«, stimmte Leïóva gefühllos zu. »Die Gegner verfolgten uns unerbittlich, mordeten Frauen und Kinder und sahen auch nicht davon ab, Schwangere zu jagen, die nichts anderes als in Frieden leben wollten.«
»Oh, Ihr entkamt den Dorón Ashont?« Saitôra hörte gebannt zu.
»Es gibt grausamere Gegner für mich. Die Acronta schrecken mich nicht.« Die Albin in dem weißen Lederkleid zerteilte einen Krebspanzer. »Nach einer sehr abenteuerlichen Flucht traf ich Modôia. Und obwohl wir uns anfangs aus tiefstem Herzen hassten, überwanden wir die Abneigung.«
»Und überlebten.« Die Herrscherin zeigte auf ihren Sohn. »Ohne Leïóva säße er heute nicht hier.«
»Ohne Modôia wäre meine Tochter verloren gewesen.« Die schwarzhaarige Albin sah Irïanora durchdringend an. »Kennt Ihr eine solch tiefe Freundschaft, die sogar den Hass zu überwinden vermag?« Sie zeigte mit dem Messer auf Saitôra, ohne den Blick zu wenden, dabei wurden die Muskeln an ihren Schultern deutlich sichtbar. »Verbindet Euch beide ein ähnliches Band, da sie bereit war, für Euch in den Tod zu gehen?«
Nach dem Satz war es grabesstill.
Nein, ich kann sie nicht leiden. Irïanora nahm einen Schluck Wasser. »Ja«, entgegnete sie und berührte unter dem Tisch Saitôras Fuß, um ihr zu zeigen, wie ernst es ihr war. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Herrscherin. »Ich bitte Euch: Bedenkt bei Eurer Entscheidung über Saitôras und mein Schicksal …«
Modôia hob die Hand und brachte die Albin zum Schweigen. »Das ist ein Missverständnis, meine Liebe. Als ich vorhin sagte, dass nur eine an diesem Tisch die Entscheidung fällt, meinte ich Euch , Irïanora.«
Saitôra lachte erleichtert auf. »Oh, dann schicke uns nach Hause«, raunte sie, doch laut genug, dass es alle vernahmen.
Modôia, Leïóva und Ôdaiòn lachten gütig.
»So einfach ist es nicht«, räumte die Herrscherin ein. »Da diese erste Fahrt den
Weitere Kostenlose Bücher