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Die Oger - [Roman]

Die Oger - [Roman]

Titel: Die Oger - [Roman] Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bastei Lübbe
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Höhe. Lord Felton schaute sich suchend um. Er suchte nach jemandem, der es ihm ermöglichte durch gezielte Fragestellungen einer Vielzahl der übrigen Wortmeldungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eigentlich war ihm jeder recht, Hauptsache man ersparte ihm ein Gespräch mit Priester Gidwick. Dieser bleiche, wohl genährte Mann mittleren Alters hatte einige, für Felton unausstehliche Eigenarten. Er war ständig übler Laune und sah in allem und jedem das Schlechte. Seine angespannten Gesichtszüge verrieten viel über seine Einstellung zum Leben. Lord Felton wunderte sich, wie so jemand mit dieser Einstellung den Göttern dienen konnte, um den Menschen zu helfen. Für Gidwick war jeder ein Taugenichts, Dieb oder Schmarotzer. Und wenn keine dieser Titulierungen zu greifen schien, blieb immer noch der Verlierer. Eigentlich hätte Gidwick von den Ereignissen der letzten Wochen besonders betroffen sein müssen, da viele der entführten Kinder aus dem Waisenhaus stammten, aber diese Tatsache schien den meisten Bürgern der Stadt näherzugehen als ihm.
    Lord Felton erteilte einem der höheren Wachoffiziere das Wort.
    »Wieso hat ein Oger die Nachricht überbracht und nicht das Mädchen selbst?«
    »Wir glauben, dass das Mädchen sich mit einem oder mehreren abtrünnigen Ogern zusammengetan hat. Vielleicht hatte sie Angst, dass sie das Schicksal ihrer Großmutter teilen würde, wenn sie sich noch einmal blicken lässt.«
    Die Antwort schien eine Erklärung zu sein, wenn auch nicht besonders stichhaltig. Die Hälfte der erhobenen Arme wurden gesenkt, wenn auch nur zögerlich. Nur Gidwick schien in keinerlei Weise zufrieden gestellt. Sein Arm ragte kerzengerade in die Höhe, und sein Gesichtsausdruck zeigte eine beharrliche Sturheit.
    Lord Felton wandte sich einem der bessergestellten Kaufleute zu und nickte.
    »Wenn wir annehmen, dass es sich bei den Informationen in dem Schreiben um die Wahrheit handelt, wie sollen wir gegen die Bedrohung vorgehen?«
    »Im Moment gar nicht. Wir brauchen eine Verzögerungstaktik, um mehr herauszufinden. Wenn wir wissen, warum sie uns in die Wüste locken wollen und wie die Falle aussieht, dann können wir handeln.«
    Der Unmut über diese Aussage stand vielen ins Gesicht geschrieben. Den Vormarsch der Truppen zu verzögern, hieße die Kinder länger in den Händen der Bestien zu lassen. Niemand wusste, was mit den Kindern geschah, ob vielleicht das Warten ihr Leid erhöhte oder sie sogar das Leben kosten konnte. Erst nach einem Moment der unbehaglichen Stille begannen erneut die ersten leisen Gespräche zwischen einigen Sitznachbarn.
    Anspannung füllte den Raum. Abschätzende Blicke wurden über den Tisch geworfen. Um der allgemeinen gedrückten Stimmung entgegenzuwirken, entschied sich Lord Felton, weitere Fragen zu beantworten. Zu seiner Verblüffung gab es nur zwei Meldungen. Die eine kam von Priester Gidwick, der es demonstrativ unterlassen hatte, den Arm überhaupt zu senken. Die andere Wortmeldung kam von Barrasch. Felton entschloss sich, seine Abneigung gegen Gidwick nicht allzu offenkundig zur Schau zu stellen und erteilte ihm das Wort. Abgesehen davon, dass Lord Felton ihn nicht besonders leiden konnte, musste er zugeben, dass Gidwick, was Manieren und seine rhetorischen Fähigkeiten anging, ein hervorragender Selbstdarsteller war, was vielen seiner Glaubensbrüder abging. Die meisten sahen sich als Sprachrohr der Götter an und glaubten deshalb felsenfest an die eigene Redegewandtheit und Eloquenz. Leider redeten die meisten von ihnen zwar ziemlich viel, hatten aber nichts zu sagen. Ständig erhoben sie den warnenden Zeigefinger und zitierten Passagen aus den Heiligen Schriften, egal, ob sie zum Thema passten oder nicht. Gidwick aber war jemand, der sich eine Meinung bildete und diese dann auch beeindruckend gut verteidigen konnte. Was Felton störte, war die Unumstößlichkeit seiner Meinungen. Das Wort, das er einmal verkündet hatte, stand wie ein Fels in der Brandung.
    Lord Felton kannte noch jemanden, der diesen Anspruch erhob. Nur war es für den König nun einmal legitim, immer Recht zu behalten.
    »Liebe Mitbürger«, begann Gidwick, während er sich schwerfällig aus seinem Stuhl erhob, »ich muss Lord Felton zustimmen. Die Offensichtlichkeit, mit der diese Kreaturen vorgehen, zeugt von ihrer Überheblichkeit. Die Tatsachen sprechen für sich. Ich stimme Seiner Lordschaft zu, dass diese Bestien etwas im Schilde führen, aber ich traue ihnen keine großen Taktiken zu.

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