Die Orks 01 - Die Rückkehr der Orks
Plötzlich, sie hatten die schützende Dunkelheit schon fast erreicht, machte Balbok noch einmal kehrt.
»Was ist?«, flüsterte Rammar.
»Ich habe was vergessen«, erwiderte Balbok und huschte in gebückter Haltung davon, zurück zu der Stelle, wo sie gefesselt im Gras gelegen hatten – und Rammar griff sich an die Stelle am Hinterkopf, wo sich bei Orks das Hirn befindet, als er sah, dass sein Bruder die Standarte holte, die dort noch im Boden gesteckt hatte.
In diesem Moment kam einer der Posten wieder zu sich. Grummelnd erwachte der Zwerg und hob sein Haupt – worauf Balbok ihm kurzerhand den Schaft der Standarte über den Schädel zog. Es gab einen dumpfen Laut, der Zwerg verdrehte die Augen und tauchte wieder ein ins Reich der Träume, und Balbok gesellte sich auf leisen Sohlen zurück zu den anderen.
»Bist du verrückt?«, zischte Rammar. »Unsere Entdeckung zu riskieren nur wegen dieses dämlichen Dings?«
»Ein Ork marschiert nicht ohne Standarte!«, stellte Balbok klar. »Außerdem haben wir keine Waffen – und du weißt, wozu dieses Ding fähig ist.«
»Die Waffen holen wir uns zurück«, flüsterte Alannah. »Auf der anderen Seite des Lagers werden sie aufbewahrt, in der Nähe der Boote.«
»Dann nichts wie hin«, knurrte Corwyn, und sie schlichen davon.
»Rammar?«, flüsterte Balbok.
»Ja?«
»Meinst du das wirklich?«
»Was?«
»Dass ich eine Zierde des Orkgeschlechts bin?«
»Verdammt noch mal, halt die Klappe, du elender umbal! Ich rede nicht mehr mit dir, schon vergessen?«
3.
KOLL UR'TROWNA
Bevor sie aus dem Lager der Zwerge flüchteten, holten sie sich noch ihre Waffen. Oder besser gesagt: Corwyn übernahm dies nach einem kurzen, aber heftigen Streit, und er gab Rammar und Balbok danach ihre Waffen nicht zurück, sondern behielt die Axt und den saparak – als Pfand, wie er es nannte. Natürlich protestierte Rammar, fügte sich dann aber aus Sorge, doch noch die Zwerge auf ihre Flucht aufmerksam zu machen, wenn sie erneut stritten.
Leise bestiegen sie eines der Boote, machten es los und ließen sich von der Strömung treiben. Erst als sie den Schein des Zwergenfeuers und das Gegröle der Betrunkenen weit in der Dunkelheit zurückgelassen hatten, griffen sie nach den Rudern.
Mit kurzen, aber kräftigen Schlägen trieben sie das Boot flussabwärts, bis zu jener Biegung, wo sich der Eisfluss nach Osten wendet und Andaril entgegenstrebt. Ein schmaler Nebenarm jedoch führte weiter nach Süden in die Ebene von Scaria.
Sie folgten diesem Wasserlauf, froh darüber, dass er ihnen viele mühsame Wegstunden ersparte; es entging ihnen jedoch nicht, dass etwas ganz und gar nicht stimmte: Je weiter sie nach Süden gelangten, desto weniger Wasser führte der Fluss. Immer weiter verzweigte er sich, bis er schließlich in der Weite der Steppe zu versickern schien und das Boot schabend auf Grund lief.
»Verflucht!«, murrte Corwyn. »Wie ist das möglich? Ein Fluss kann nicht einfach verschwinden, das ist gegen jedes Gesetz der Natur.«
»Es ist die Nähe des Waldes, die dies bewirkt«, erklärte Alannah. »Der Fluch, der über Trowna liegt, wirkt auch hier im Norden und hält das Wasser, das Urelement des Lebens, fern. Vanyanen nennen wir den Eisfluss in unserer Sprache – das Verschwundene Wasser.«
»Bah«, machten Rammar und Balbok wie aus einem Munde. Der Hagere fügte ein verächtliches »Elfenzauber!« hinzu, was nichts daran änderte, dass die vier ihre Reise zu Fuß fortsetzen mussten. Das Boot ließen sie zurück und schulterten das wenige Gepäck, das sie hatten. So ging es weiter.
Es war eine seltsame Gruppe, die dem großen Wald entgegenmarschierte: zwei Orks, ein Mensch und eine Elfin, von einer eigenartigen Laune des Schicksals zusammengeführt und aneinander gekettet durch ein gemeinsames Ziel – Tirgas Lan, die Verborgene Stadt.
Rammar und Balbok wollten dorthin, weil sie wieder die Möglichkeit witterten, sich selbst des Schatzes zu bemächtigen. Corwyn, weil er in der Verborgenen Stadt nicht nur den Schatz, sondern auch den Sinn seines schäbigen Daseins zu finden hoffte. Alannah, weil sie einerseits wissen wollte, was es mit dem Geheimnis auf sich hatte, das sie ihr Leben lang gehütet hatte – und weil sie andererseits etwas verspürte, das ihren müden Geist mit neuer Lebensfreude erfüllte …
Die Hügel und Felsen des Scharfgebirges lagen inzwischen weit hinter ihnen. Durch karges Grasland marschierten sie nach Süden. Da sie keinen Proviant bei sich
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