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Die Pfade des Schicksals

Die Pfade des Schicksals

Titel: Die Pfade des Schicksals Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stephen R. Donaldson
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das Spätgeborene für ihn zubereitet hatte. Durch Böen-Endes Brustpanzer geschützt aß er mit einer Hand, während er mit der anderen weiter den Orkrest umklammerte. Er ließ jedoch keine Anzeichen dafür erkennen, dass der Kontakt mit dem Sonnenstein ihn von seiner Verrücktheit geheilt hatte. Als Linden ihn aufmerksamer betrachtete, sah sie, dass er seine ererbte Erdkraft tief in seinem Inneren vergraben hatte, als fürchtete er ihr Zusammenwirken mit dem Orkrest. Nicht zum ersten Mal vermutete sie, er wolle gar nicht bei Verstand sein. Nicht im Augenblick; nicht schon jetzt. Er schien zu fürchten, was Vernunft ihm auferlegen - oder von ihm fordern würde.
    Auch Mahrtür aß eine Kleinigkeit. Jeremiah kaute und schluckte, was Rahnock ihm in den Mund steckte, und trank, was sie ihm anbot, ohne irgendeine Reaktion erkennen zu lassen. Aber die Riesinnen hatten offenbar beschlossen, sich ihre Rationen für später aufzuheben. Und Covenants Geistesabwesenheit war auf den ersten Blick ersichtlich. Bruchstückhafte Erinnerungen hielten ihn gefangen, machten ihn so wenig ansprechbar wie Jeremiah.
    Als wäre Lindens Schweigen ein Befehl, sprach niemand. Raureif Kaltgischt und die anderen Riesinnen beobachteten sie unauffällig; behielten des Gesehene für sich. Der Mähnenhüter aß auf und trank etwas Wasser. Dann lenkte er Lindens Aufmerksamkeit mit einer Handbewegung auf sich und deutete ernst auf Covenant.
    Als sie nicht reagierte, seufzte er schwer. Es kostete ihn offenbar einige Überwindung, die Nachtstille zu durchbrechen, als er sagte: »Wie die Seilträger muss ich laufen, Ring-Than, um meinen Kummer loszuwerden. Soll ich versuchen, Thomas Covenant zu wecken? Ob seine Abwesenheit grausam oder beruhigend ist, kann ich nicht beurteilen. Deshalb liegt die Entscheidung bei dir.«
    Ein Teil Lindens wollte Covenant in Ruhe lassen. Auch sie wollte in Ruhe gelassen werden. Aber ihr Bedürfnis nach ihm war größer.
    »Also gut.« Ihre Stimme klang leicht eingerostet, als hätte Linden vergessen, wie man sie gebrauchte. »Du kannst es ja versuchen. Wir müssen zu viele Entscheidungen treffen, und ich weiß kaum, wo ich anfangen soll. Vielleicht kann er sich jetzt an mehr erinnern …«
    Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Ihre letzte Entscheidung hatte Liand den Tod gebracht.
    Mahrtür nickte knapp. Er hatte es eilig. Nachdem er eine verwelkte Blüte von seiner umgehängten Girlande geknipst hatte, zerrieb er sie zwischen den Fingern, während er sich Covenant näherte. Er ging neben ihm in die Hocke. Mit einem stummen Blick zu Zirrus Gutwind hinauf bat er sie um Hilfe. Als er Amanibhavam zuletzt auf diese Weise angewendet hatte, hatte Covenant sich den Kopf an einem Felsen angeschlagen.
    Gutwind reagierte darauf, indem sie hinter Covenant niederkniete und ihm ihre Hand unter den Kopf legte. Ihren Armstumpf hielt sie bereit, um ihn zu bremsen, falls er sich zur Seite warf.
    In den Silberblitzen von Loriks Krill beobachtete Linden, wie Mahrtür Covenant den Mund zuhielt und ihm das Pulver unter die Nase hielt. Sie sah, wie Covenant einatmete, und glaubte die jäh einsetzende Wirkung von Amanibhavam im eigenen Blutkreislauf zu spüren.
    So plötzlich, dass Mahrtür zurückzuckte, während Covenant seine Hand wegschlug.
    »Du bist nicht hier«, knurrte Covenant. »Du siehst nicht, was Kastenessens Haft ihn kostet.« Seine Heftigkeit war erschreckend wie ein Schrei. »Die Elohim glauben, dass er es verdient hat. Ich weiß nicht, wie es möglich sein soll, solche Qualen zu verdienen.«
    Lindens Gesundheitssinn erkannte die Wahrheit. Covenant blieb in irgendwelchen Erinnerungen gefangen. Er sprach, als hätte er an Kastenessens Seite gestanden, als die grausige Aufgabe, die Skurj zu bändigen, den Elohim in den Wahnsinn getrieben hatte.
    Mahrtür kam kopfschüttelnd auf die Beine. »Entschuldige, Ring-Than«, sagte er barsch. »Er ist zu weit weg. Amanibhavam kann ihn jetzt nicht zurückholen.«
    Linden seufzte. »Dann geh jetzt.« Auf ihre Weise war sie ebenso desorientiert wie Covenant. »Tu, was du tun musst. Wenn du zurückkommst, können wir versuchen …« Sie wusste nicht, wie sie ihr Gefühl der Hilflosigkeit ausdrücken sollte. »… uns irgendwas einfallen zu lassen.«
    Die Antwort des Mähnenhüters bestand aus einer ernsten Verbeugung. Dann verließ er die Gesellschaft und schritt auf der Sohle des Canyons nach Norden aus. Dabei steigerte er allmählich das Tempo, bis er blind dahinspurtete. Bald konnte

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