Die Pfade des Schicksals
hat. Irgendwann wird er mein Vertrauen rechtfertigen.«
Bisher war alles, was Anele für die Gesellschaft - oder das Land - getan hatte, ihm auferlegt oder entrissen worden. Tatsächlich waren Wahnsinn, Blindheit und Überleben die einzigen Entscheidungen, die er selbst getroffen hatte.
Raureif Kaltgischt trat näher an Linden heran und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. »Wir sind ganz deiner Meinung. Wir haben den Alten lieb gewonnen. Und wir erkennen keine Ähnlichkeit zwischen seiner Not und der von Verlorensohn Langzorn. Aus Sorge um ihn beten wir darum, dass ›irgendwann‹ nicht mehr lange auf sich warten lässt.«
Damit billigte sie Lindens Wunsch, Liands Geburtsrecht in Aneles Händen zu lassen.
Dann wandte die Eisenhand sich ab. Ihre Gefährtinnen forderte sie auf: »Kommt, Schwertmainnir. Weil wir keine andere Caamora haben, müssen wir mit Schweiß und Steinen trauern.«
Die anderen Riesinnen machten sich sofort bereit, das Lager zu verlassen. Sie schienen mit grimmigem Eifer darauf bedacht zu sein, gegen den eigenen Schmerz vorzugehen. Nur Zirrus Gutwind schloss sich ihnen nicht an. Sie deutete mit einer Grimasse auf ihren verstümmelten Arm, richtete sich aus ihrer knienden Haltung auf und blieb in Covenants Nähe stehen.
Linden glaubte den bevorstehenden Sonnenaufgang riechen zu können. Bald würde das Morgengrauen den Boden des flachen Canyons erreichen. Natürlich mussten die Riesinnen auf ihre Art Trauerarbeit leisten. Wie hätten sie darauf verzichten können? Trotzdem fühlte sie das primitive Bedürfnis, sie zurückzuhalten. Sobald sie Liand durch ihre Trauer geehrt hatten, würde die Gesellschaft Entscheidungen treffen müssen. Aber sie hatte keine Ahnung, was zu tun war - oder wie sie sich verhalten sollte, wenn sie aufgefordert wurde, Entscheidungen zu treffen. Sie hatte Jeremiah im Stich gelassen. Und sie hatte Liand geopfert, ihn für ihr Versagen büßen lassen. Was sollte sie ihren Freunden antworten, wenn sie neue Fragen stellten?
Sie zwang sich dazu, Raureif Kaltgischt zuzunicken. »Ich warte hier. Vielleicht erholt Covenant sich. Oder Pahni und Bhapa kommen zurück. Vielleicht gibt es etwas, das ich für die beiden tun kann.«
Jedenfalls hatte sie nichts getan, um die Schnitt- und Brandwunden der Riesinnen - oder Staves - zu heilen. Auch wenn sie den Gedemütigten etwas anderes versichert hatte, fürchtete sie die Schwärze ihrer Macht.
»Das wäre gut«, bestätigte die Eisenhand. »Wir kommen zurück, wenn wir befriedigt sind.«
Ohne ein weiteres Wort kehrte die Anführerin der Schwertmainnir dem Bach den Rücken zu und schritt davon. Von ihren Gefährtinnen begleitet stieg sie ins Morgengrauen hinauf, bis sie alle - nur noch durch ihre kummervolle Ausstrahlung erkennbar - mit der Dämmerung eins wurden.
Innerlich seufzend beobachtete Linden einige Augenblicke lang das silbrige Leuchten des Krill; betrachtete Galts rigiden Stoizismus und die stumme Bösartigkeit des Croyels und Jeremiahs schlaffe Teilnahmslosigkeit. Dann fragte sie sich, ob Stave ihr mit Einsichten zu ihren Dilemmata würde helfen können, wie er es schon mehrmals getan hatte.
Aber seine Chance, sich zu äußern, würde ebenso kommen wie die der Gedemütigten. Alle ihre Gefährten würden zweckfrei äußern können, was sie auf dem Herzen hatten.
Ohne Covenant …
Ihr Bedürfnis nach einer liebevollen Berührung pochte wie eine tief sitzende Wunde. Covenant hatte sie abgewehrt; aber er war vorläufig nicht ansprechbar. Jetzt ging Linden zu ihm hinüber. Sie legte ihren Stab ab, setzte sich neben Covenant und lehnte sich zutiefst betrübt mit an seinen Felsen.
Zirrus Gutwind hatte sich abgewandt. Ihre Aufmerksamkeit galt ihren fernen Gefährtinnen, an deren Anstrengungen sie indirekt teilhatte. Staves Verhalten legte den Schluss nahe, er lese Galts Gedanken oder belausche Clyme und Branl, statt Linden und Covenant zu bewachen. Der Croyel schien mit geschlossenen Augen zu ruhen. Jeremiahs leerer Blick erinnerte an die Fensterhöhlen eines verlassenen Gebäudes.
Linden konnte fast glauben, mit Covenant allein zu sein.
Eine Zeit lang studierte sie sein Profil: die markante Linie des Unterkiefers, die scharf geschnittene Nase, die potenzielle Empathie seines Mundes. Im Licht des Krill erschien seine silberne Mähne wie konkretisierte wilde Magie.
Zaghaft, jederzeit bereit, ihre Hand zurückzureißen, berührte sie seine Wange mit dem Handrücken.
Covenant ließ keine Reaktion erkennen. Die
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