Die Prophetin
Empfang die Nachricht, er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. Die feuchte, salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. Es roch nach Regen.
Er hatte sich gerade entschieden, zum Strandhaus zu fahren, als er die Übertragungswagen der Fernsehsen-der sah, die Kameras, die Journalisten und die Polizeibeamten…
Über dem Pazifik
Miles spürte den Druck in den Ohren, als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. Er warf einen Blick auf die Uhr. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert.
Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können, die Transaktion durchzuführen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig, um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte, wußte Miles, daß er die meisten besaß. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. Leider, so vermutete Miles, enthielten die Texte, die ihm nicht zur Verfügung standen, wichtige Informationen. Wenn die Zeit nicht so ge-drängt hätte, wäre es natürlich kein Problem gewesen, sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen, die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. Aber Zeit hatte er nicht. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher, die siebte Rolle zu finden. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. Miles war zu dem Schluß gekommen, es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben, denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden.
Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University, der zweite im British Museum. Es handelte sich dabei um kleine, kaum entzifferbare Fragmente, die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Ein dritter Papyrus befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto, eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology, die berichtete, das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert.
Miles wollte dieses Dokument haben.
Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. Der Pilot ließ ihn damit wissen, daß sie sich im Landeanflug befanden. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer, in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten.
Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen, denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen, und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. Das Fest sollte alles übertreffen, die Oscarverleihung, den Debütantinnenball und das Film-Festival von Cannes.
Miles lächelte. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. Gewiß, in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen, um dafür zu sorgen, daß alles nach Plan verlief. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos, wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Der Tiger in Miles war hungrig. Er brauchte Beute. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen, daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen, um ihm in der Casa Havers zu huldigen, denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast, der Konzern war der Thron, sein Computerzentrum Zepter und Schwert, im Tropenhaus hütete er die Perlen, und im unterirdischen Museum, seiner Schatzkammer, sammelte er das Wertvollste, was Menschen geschaffen hatten. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte, daß sich dort die Schriftrollen befanden, die zum Tagesgespräch geworden waren, weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften, dann konnte er an Silvester triumphieren.
Mochten die Regierungen, die Medien und alle Menschen spekulieren, er, Miles, würde als einziger wissen, was darin stand. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen,
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