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Die Puppenspieler

Die Puppenspieler

Titel: Die Puppenspieler Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tanja Kinkel
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weiteres dauerhaft. Savonarolas Ambitionen beschränken sich auch keineswegs auf eine Reinigung des hiesigen oder auch nur des italienischen Klerus; nach seiner letzten Predigt bin ich der festen Überzeugung, daß er nicht mehr und nicht weniger anstrebt als die absolute Herrschaft über Florenz, geistig und weltlich, was nur durch den Sturz der Medici und der ihr ergebenen Körperschaften möglich wäre.
    Daraus sich ableitende Möglichkeiten: Ich empfehle einen Aufkauf nicht nur aller kostbaren Stoffe, Juwelen und sonstiger Luxusartikel, sondern auch aller Kunstwerke, die sich erwerben lassen. Die Nachfrage nach antiken Stücken steigt überall; die Este in Ferrara sollen Unsummen für einen kürzlich ausgegrabenen Herkules geboten haben, der jedoch von Lorenzo de'Medici gekauft wurde. Auch Statuen und Gemälde noch lebender Bildhauer und Maler erfreuen sich großer Wertschätzung. Da Florenz bisher in diesem Gebiet führend war, bieten sich ungeahnte Möglichkeiten für günstige Käufe, und ich habe mir erlaubt, schon einiges in die Wege zu leiten. Meine finanziellen Mittel sind jedoch beschränkt; daher bitte ich um diesbezügliche Anweisung an Eberding.
    Zu Lorenzo de'Medici: Eine Versöhnung zwischen Lorenzo und Savonarola scheint aus den obengenannten Gründen unmöglich. Lorenzo wird den Mönch allerdings auch nicht aus der Stadt ausweisen lassen; meinen Quellen zufolge setzt er weiterhin auf Zeit. Seine Beliebtheit bei den Florentinern ist immer noch ungebrochen, daher glaube ich nicht an einen Aufruhr, würde aber zwei Faktoren zu bedenken geben: Lorenzos fortschreitende Krankheit – die Gicht verkrüppelt ihn mehr und mehr, so daß er sich nur noch selten in den Straßen zeigen kann – und die, den Gerüchten nach zu schließen immer schlechtere Lage der Medici-Bank.
    Zur Romagna: Der Tod von Girolamo Riario beendet nicht nur seine Vendetta mit den Medici, sondern läßt seine Witwe Catarina Sforza als die mächtigste Fürstin im ehemaligen Kirchenstaat zurück. Da die Romagna Rom unmittelbar umschließt, spielen die dortigen Grafen und Herzöge bei der Papstwahl eine entscheidende Rolle; Lorenzo hat Catarina den Gerüchten zufolge bereits seinem Vetter Gianni als Ehemann angeboten. Eine bloße Vermutung meinerseits: Das läßt darauf schließen, daß er Catarinas Onkel, Kardinal Ascanio Sforza, als Kompromißkandidaten zwischen Rodrigo Borgia und Giuliano della Rovere unterstützen wird …«
    Ein leichter Druck an der Schulter unterbrach ihn. Unwillkürlich schrak er zusammen; er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, beim Abfassen seiner Berichte nicht mehr allein zu sein. Saviya hatte kaum ein Wort gesprochen, seit sie sich von Mario getrennt hatten, doch Richard, der im Geiste bereits seinen Brief an Jakob entworfen hatte, war ihre ungewöhnliche Zurückhaltung nicht weiter aufgefallen. Jetzt aber konnte er nicht mehr übersehen, daß sie etwas quälte. Sie verschränkte die Finger ineinander und nagte an ihrer Unterlippe, als habe sie sich noch nicht entschieden, ihre Gedanken auszusprechen.
    »Was ist?« fragte er ein wenig unaufmerksam; innerlich war er immer noch mit den Fürsten der Romagna beschäftigt. Leise und bestimmt, was gar nicht zu ihrer äußeren Unruhe paßte, erwiderte Saviya: »Wir müssen Florenz verlassen, Riccardo, so schnell wie möglich.«
    »Saviya, das ist unmöglich. Ich verstehe, daß dich Fra Savonarola beunruhigt, es geht mir genauso, glaub mir. Aber es wird dir nichts passieren, du bist unter meinem Schutz, und …«
    »Sprich nicht mit mir, als wäre ich ein Kind!« unterbrach ihn Saviya unerwartet heftig. »Denkst du, ich rede von ein paar Gorgios, die mit Steinen nach mir werfen, weil sie mich für gottlos halten?« Sie hielt inne und schluckte. »Ich … ich wollte es dir schon länger sagen, aber … nun, das ist gleichgültig. Riccardo, seit heute weiß ich, daß Tod über der Stadt liegt, ich weiß, wer sterben wird, und ich weiß das so genau, weil …«
    Richard ließ sie nicht ausreden. Sei es, weil er selbst noch von Savonarolas Predigt aufgewühlt war, sei es, weil er eine vage Ahnung von dem hatte, was sie ihm erzählen wollte, jedenfalls sagte er abweisend: »Um Himmels willen, Saviya, hör doch mit diesem abergläubischen Gerede auf! Kein Wunder, daß die Leute argwöhnisch gegenüber euch Zigeunern sind – ihr könnt keinen Satz herausbringen, der nicht nach einer unheilvollen Prophezeiung klingt!« Ein wenig verspätet fügte er hinzu: »Und im

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