Die Quelle
drohenden Schlacht, sondern Fragen, die weit über all das hinausweisen. Woher hat dieses winzige Wesen Mensch die Zuversicht, in der Unendlichkeit der Wüste von einem unbekannten Punkt zum andern zu wandern und auf diesem Weg Wasser und Nahrung zu finden? Welcher göttliche Beistand führt ihn, und wie wird dieser Beistand geleistet? Und vor allem: Wie vermag der Mensch den göttlichen Willen zu erkennen und im Einklang mit ihm zu leben?
Der alte Mann schritt durch den Sand, bis er zurückblickend sein ganzes Lager, die flackernden Lichter und die Hirten bei ihren Herden überschauen konnte. Er entsann sich jener Nacht vor vielen Jahren, als seine Sippe weit östlich von Damaskus in der schrecklichsten Wüste, die er je durchwandert hatte, verloren schien. Alle waren dem Tode nahe, aber sein Vater Zebul sagte: »In der Kühle der Nacht müssen wir weiter.« Die verzagten Hebräer widersprachen: »Wir können nicht«, aber Zebul hatte die Zelte abgebrochen, und sie waren bis zum Morgengrauen weitergezogen, ohne etwas zu finden. Den Tag über hatten sie gerastet, dürstend, sterbend. Abends sagte Zebul abermals: »In der Kühle der Nacht müssen wir weiter.« Und wiederum wehrten sie sich, wandten ein, daß sie umkämen, gingen aber doch, drei Nächte lang - völlig außerstande, einen weiteren Schritt zu tun, und dennoch gingen sie. Als sie in der letzten Nacht sich weigerten weiterzugehen und sagten, sie seien am Ende, ging Zebul zwischen den Zelten hindurch, schlug um sich und schrie die Seinen zornig an: »Denkt ihr Kleingläubigen, daß El-Schaddai uns ohne Absicht hierhergeführt hat, damit wir sterben? Hat Er nicht einen Feind für uns bereit, der an der Quelle darauf wartet, uns im Kampf zu töten? Oder einen König, der uns in die Sklaverei verschleppt? Sind wir so weit gewandert, um sinnlos zu sterben? Auf! Auf! Laßt uns sehen, was El-Schaddai Furchtbares für uns bereithält.« Und er hatte seine Hebräer vorwärtsgetrieben. Viele starben, aber sie starben auf dem Weg zum Brunnen, nicht als ein verlorener Haufen, der sich selbst aufgegeben hatte. Beim letzten Sonnenaufgang, den keiner überlebt hätte, fand Zebul den Brunnen, und drei Jahre blieben sie dort. In der heutigen Nacht wollte Zadok nicht beten. Es war keine weitere Unterredung zwischen ihm und El-Schaddai mehr nötig. Aber mit schmerzlicher Sehnsucht blickte er auf die Wüste, in der er - mit Ausnahme von sieben Jahren - sein ganzes Leben verbracht hatte. Und er dachte: Ob ich den Frieden, ob ich den Trost jemals wiederfinden werde, den ich noch inmitten ihrer Stürme und Gefahren empfunden habe? Die alte Art des Lebens geht unwiederbringlich dahin. Mir ist bange um die Zukunft. Doch eines weiß ich: Wohin immer meine Hebräer ziehen - sie werden die Erinnerung an die Jahre in der Wüste, an die Jahre der Gottesnähe mit sich nehmen.
Er wandte den Blick von den Zelten und suchte eine Stelle, an der er von niemandem gesehen werden konnte. Dort weinte er, denn er allein wußte von seiner Sünde. »Allmächtiger, vergib mir«, sagte er und sprach zu El-Schaddai, wie ein Knabe, der ungehorsam gewesen war, zu seinem Vater. »Vor sechs Jahren, als die letzte Sippe gen Süden zog, kamst Du in der Wüste zu mir und redetest also: >Zadok, es ist Zeit für dich, die Wüste zu verlassen und die befestigte Stadt zu nehmen. < Aber ich fürchtete den Kampf. Ich fürchtete die Stadt. Ich wollte an der Sicherheit der Wüste festhalten und zauderte hier, sagte Dir diese Entschuldigung und jene. Meine Söhne kamen zu mir und verlangten, wir sollten unsere Herden in die grünen Täler treiben, aber auch auf sie hörte ich nicht. Sechs Jahre lang habe ich Gott und Menschen widerstanden, in meiner Angst weiterzuziehen. Du warst geduldig mit mir, El-Schaddai. Aber im vergangenen Monat sprachst Du zu Epher und schicktest ihn, auf eigene Faust zu kundschaften. Nun ist er mit Deinen Weisungen zurückgekehrt, und wir werden aufbrechen, wie Du es mir vor sechs Jahren befohlen hast.« Er demütigte sich in den Staub und bat: »El-Schaddai, vergib mir. Ich war ängstlich.« Ein Rascheln im Sand, wie von einem laufenden Wüstenfuchs, antwortete, und die Stimme El-Schaddais sprach zu Zadok dem Gerechten: »Solange du lebst, alter Mann, bist du frei, Meine Befehle zu mißachten. Doch mit der Zeit wird Meine Ungeduld wachsen, und Ich werde mit anderen sprechen, wie Ich mit Epher gesprochen habe.«
»Meine Heimat ist die Wüste«, sagte Zadok zu seiner Rechtfertigung, »ich
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