Die Quelle
Ehrfurcht erlaubte
es ihm nicht, als erster seine Stimme zu erheben.
„Ich nehme an, du suchst mich?“
Hatte der König tatsächlich gesprochen? Seine
Stimme war eher wie ein Echo, von dem man nicht genau wusste, ob man es
tatsächlich gehört hatte. Er strahlte Ruhe und Weisheit aus,
während seine Augen vor Freude leuchteten.
Leathan schämte sich nun dafür, dass er die
Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass der König nach
Jahrhunderten der Einsamkeit vielleicht längst den Verstand verloren
hatte. Nichts, was Leathan nun hätte antworten können, schien ihm
angemessen und er konnte nur das Lächeln erwidern und zustimmend nicken.
Der König lächelte noch herzlicher. „Ich bitte
dich, spann mich nicht länger auf die Folter! Sprich! Ich warte seit
Jahrhunderten darauf, endlich wieder eine menschliche Stimme zu hören!“
Der König stellte sich zu ihm. „Komm erst einige
Schritte weg von dem See, seine Ausstrahlung wirkt oftmals eher meditativ. Wir
können ja später zurückkommen. Jetzt hätte ich gerne so
viel wie möglich von meinem Volk und von der Welt erfahren.“
Der König führte Leathan einige Schritte vom
See fort. Leathan bemühte sich, nur in Richtung des Waldes zu blicken, um
sich nicht wieder vom See der Quelle ablenken zu lassen. Er wollte den
König nicht länger mit seinem Schweigen strafen und schließlich
fand er seine Sprache wieder.
„Ich werde dir so gut berichten, wie ich kann, aber
leider weiß ich nicht sehr viel…“
Leathan wurde bewusst, dass er keine Ahnung hatte, wie er
den König ansprechen sollte. Gab es eine Etikette, die er hätte
beachten müssen? Der König schien jedenfalls wenig Wert darauf zu
legen. Wie gebannt lauschte er Leathans Worten… Oder waren es nur die
Klänge der menschlichen Stimme, die ihn faszinierten?
Nun lachte der König…
„Das weiß ich doch! Du bist aus einer anderen Welt,
sonst wärst du nicht hier. Erzähl mir einfach, was du gesehen hast. Ich
will jedes Detail erfahren, ich will wissen, wie mein Volk jetzt lebt.
Weißt du, die Bewohner von Ker-Deijas sind irgendwie alle meine Kinder!
Ich will wissen, wie sie jetzt denken, wie sie sich entwickelt haben. Komm!“
Der König hatte einen einnehmenden, begeisternden
Tonfall. Er ließ keinen Platz für trübe Gedanken. Nicht nur
bestand er kaum noch aus Materie, sondern schien die Energie aus der er
bestand, ihm unglaubliche Lebensfreude verliehen zu haben… oder war er immer so
gewesen?
*
Er führte Leathan zu einer Strickleiter, die an
einem Baum befestigt war. Sie kletterten hinauf, bis sie an der Baumkrone
angekommen waren. Leathan blieb wieder der Atem weg.
Sie hatten vor sich eine in Sonne gehüllte Ebene von
Baumkronen. Der Ausblick wirkte wie eine Märchenlandschaft. Ein eigenes
Biotop war hier entstanden. Blumen rankten sich durch die Blätter und
zierten das Grün der Bäume mit bunten Farbtupfern, so leuchtend, dass
diese auch in weiter Ferne zu erkennen waren.
In dieser schwindelerregenden Höhe hatte der
König eine gemütliche Plattform errichtet, mit einer kleinen
Überdachung aus großen, geflochtenen Blättern. Auf dem
Holzboden befanden sich Felldecken und einige mit Beeren gefüllte
Holzschalen. Wenn man sich etwas über die Kante der Plattform beugte,
konnte man noch immer die Quelle betrachten, die tief unter ihnen ihre Energie
ausstrahlte. Doch hier, über dem Dach des Waldes, blickte Leathan in die
Ferne, berauscht von so viel Schönheit. Der Wunsch, den See zu
berühren, um mit der Quelle zu verschmelzen, war in den Hintergrund
gerückt. Leathan empfand grenzenloses Vertrauen zum König und er verspürte
in seiner Anwesenheit tiefe Geborgenheit.
Er begann seine Erzählung mit dem Augenblick, da er
aus Lisas Leben gerissen worden war. Der König legte sich auf die Decken
und hörte aufmerksam zu. Ab und an nickte er, doch er unterbrach nur ein
einziges Mal, um zu bestätigen, dass die Auswahl des Namens Leathan
richtig war. ‚Wenn du schon mein Sprachrohr sein sollst, dann gibt es wohl
keinen passenderen Namen für dich, als meinen!’, befürwortete der
König Looderas Entscheidung.
Als Leathan mit seiner Erzählung am Ende gelangt
war, ging die Sonne am Horizont bereits unter. Tiefe Trauer zeichnete sich nun
auf dem Gesicht des Königs ab. Seine Silhouette schien für einen
Augenblick wieder zu verblassen, als würde er für immer verschwinden
wollen. Leathan widerstand nur schwer der Versuchung, den König
tröstend zu umarmen. Was an seiner
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