Die Quelle
Erzählung hatte den König in
diesen Zustand versetzt, wo er zuvor vor Optimismus gestrotzt hatte? Der König
bemerkte Leathans besorgten Gesichtsausdruck. Er fand sein Lächeln
zurück, doch auch dieses schien nur noch ein blasser Schatten seiner
selbst zu sein.
„Ich habe versagt. Ich habe meinem Volk nicht lange genug
zur Seite stehen können, um ihm den richtigen Weg zu weisen. Anstatt eine
wegweisende, liebevolle Nation zu werden, hat sich mein Volk aus der Welt
zurückgezogen… Sie versuchen Menschlichkeit aus ihrer Existenz zu
verbannen! Es ist kaum verwunderlich, dass Anthalion die anderen Völker
mühelos aufrufen kann, um gegen mein Volk in den Krieg zu ziehen. Sie
haben nichts getan, um dem Elend vieler Völker dieser Welt ein Ende zu
setzen, sie haben nicht mal versucht, ihnen die Macht der Quelle zu offenbaren!
Mein Volk hätte so vieles bewirken können! Mein Volk hätte mit
seinem Wissen die Welt von den ewigen, grausamen Geistern befreien können,
die sich als Götter verehren lassen. Warum haben meine Kinder meinen Weg
nicht weiter verfolgt? Nun stehen sie alleine da und haben alle Völker
gegen sich. Wie sollen wir uns da gegen die Macht der ewigen Geister wehren?“
Leathan betrachtete das Antlitz des Königs und
obwohl er ihn erst seit wenigen Stunden kannte, liebte er ihn bereits und
hätte alles getan, um den Schmerz seiner Enttäuschung zu lindern. Er
wusste jedoch, dass das nicht in seiner Macht stand und das brach ihm das Herz.
„Sie waren eine junge Nation, als du verflucht wurdest.
Dein Volk hat sein Bestes versucht, aber die Menschen haben deinen Rat
vermisst. In allem, was sie tun, versuchen sie, deinen Lehren gerecht zu
werden. Anscheinend haben sie dich missverstanden.“
Der König tauchte seinen Blick in die untergehende
Sonne, in das Erwachen des nächtlichen Lebens, doch auch in diesem
märchenhaften Anblick schien er keinen Trost zu finden. Nach einer Weile
richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Leathan, lächelte ihn warm und
liebevoll an, auch wenn sein Gesicht noch immer von Trauer gezeichnet war.
„Es tut mir leid, ich habe dich die ganze Zeit
erzählen lassen und dabei vergessen, dass dein Körper Schlaf
braucht.“
Leathans Wissensdurst hätte ihn ohnehin des Schlafes
beraubt. „Ich bin nicht müde, dieser Körper ist ziemlich ausdauernd…“
Für einen Augenblick schien diese Bemerkung die
Trauer des Königs vergessen zu lassen, denn er lächelte, als erinnere
er sich an etwas Vertrautes.
„Ja, Serfaj war schon immer zäh… Weißt du, wie
die Namen in meinem Volk vergeben werden?“
Leathan verneinte.
„Nun, wenn ein Kind geboren wird, ruft man einen Seher,
in diesem Fall war es wohl Alienta oder Mehana. Die Seher warten bei dem
Neugeborenen, bis sie einen Einblick in seine vergangenen Leben erhalten. Wenn
sie bereits ein Leben inmitten des Volks der Wächter verbracht haben,
bekommen sie denselben Namen wieder. Wenn sie zum ersten Mal als Wächter
geboren wurden, wird ein neuer Name erfunden. Ich kannte Serfaj, er war auch zu
meiner Zeit geboren worden. Er war sehr mächtig, aber kein bisschen weise,
voller Arroganz und Ehrgeiz. Dafür konnte man sich jedoch immer auf ihn
verlassen, wenn es gefährlich wurde. Er wäre alleine gegen eine ganze
Armee angetreten, wenn er dadurch nur bewundernde Blicke geerntet hätte.
Er war immer schon einer von denen, die am härtesten trainiert haben, um
zu den Besten zu zählen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass sein
Körper ausdauernd ist. Es ist auch nicht erstaunlich, dass er sich
freiwillig gemeldet hat, um den Seelentausch vorzunehmen… Wenn seine Seele
nicht irgendwann zu Demut und Weisheit kommt, wird er nie so mächtig
werden, wie er es gerne hätte.“
Das Thema schien dem König seine Begeisterung
zurückzubringen. War es das Lehren, das ihn begeisterte? Leathan wusste es
nicht, doch in diesem Augenblick war ihm nichts wichtiger, als den König
glücklich zu machen. Alles andere schien ihm zweitrangig zu sein. Er
ließ sich auf das vom König gewählte Thema ein.
„Nun, wenn Serfaj diese Art der Weisheit erlangt und
dadurch endlich so mächtig werden könnte, wie er es immer wollte,
wird er jedoch nicht mehr den Ehrgeiz haben, es sein zu wollen.“
Der König lachte.
„Ja, so ist es. Weise und mächtig zu sein ist aber
keine Entscheidung, die man trifft. Es ist auch keine Gabe und kein Fluch. Man
ist es oder nicht.“
Leathan überlegte, doch etwas schien an dieser
Aussage nicht zu
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