Die Quelle
zu unberechenbar wirkte der Herrscher;
ein Eindruck, der durch die vielen Gerüchte die es über Anthalion
gab, nur bestätigt wurde.
Anthalion ging an Leathan vorbei, wandte ihm den
Rücken zu, um zu einer kleinen Tür zu gelangen, die an der Seite des
Thronpodestes angebracht war. Wie leicht wäre es in diesem Augenblick
gewesen, ihm einen Dolch in das Kreuz zu rammen! So perfekt war diese
Gelegenheit, so leicht wäre die Ausführung gewesen –zumal Histalien
sich nicht die Mühe gemacht hatte, Leathan nach Waffen zu durchsuchen–
dass Leathan den Eindruck gewann, die Verlockung sei ihm absichtlich vorgesetzt
worden. Als vertraue er ihm blind, öffnete Anthalion die Tür und trat
hindurch, ohne sich auch nur einmal nach ihm umzusehen. Dieses Zeichen des
Vertrauens erweckte Leathans schlechtes Gewissen. Wie hatte er überhaupt
daran denken können, einen Mord zu begehen? War er nicht hier um zu
verhandeln, um eine Botschaft zu überbringen? War er nicht hier, um einen
Konflikt zu beenden, statt ihn zu entfachen? Bedrückt folgte er dem
Herrscher und betrat nun seinerseits den kleinen Raum, indem sich nicht anderes
befand als eine gewaltige Wedeltreppe. Anthalion hatte schon die ersten Stufen
hinter sich gebracht, als er stehen blieb und sich spöttisch an Leathan
wandte.
„Ich kenne deine Gedanken, auch wenn sie versperrt sind…
Wünschst du dir eher, mir die Kehle aufzuschlitzen oder durch meinen
Rücken hindurch mein Herz zu durchbohren? Lass die unsinnigen
Träumereien, Bote, sie quälen dich bloß. Zu einem Mord bist du
nicht fähig, zumindest noch nicht. Sterbe ich jetzt, blieben zu viele
Fragen unbeantwortet, nicht wahr?“
Hätte er es nicht besser gewusst, hätte Leathan
nun vermutet, der Herrscher könne seine Gedanken trotz der Blockade lesen.
Statt zu antworten, senkte Leathan beschämt den Blick, was wohl Anthalion
zu Recht als ein höfliches Zustimmen seiner Vermutungen deuten würde.
Als er es wieder wagte, ihn anzusehen, lächelte der Herrscher... es war
ein müdes Lächeln, eines, das man nur jemanden schenkte, vor dem man
nichts zu verbergen hat. „Ja... Ich kenne dich...“, flüsterte er mehr zu
sich selbst, ehe er seinen Weg treppauf fortsetzte.
Leathan folgte ihm, irritiert von dessen Verhalten,
bloßgestellt von dessen Worten... Die Neugierde obsiegte jedoch,
während er im Gegensatz zu Anthalion langsam außer Atem kam, die
Treppen zu gehen. Bald würde er erfahren, ob Anthalion und er sich gerade
in den Turm befanden, den Loodera so gerne aus der Ferne betrachtete...
Anthalion nahm während des Aufstieges das Gespräch wieder auf, doch
von der verträumten Vertrautheit war keine Spur mehr in seiner Stimme zu
hören.
„Ich habe in den letzten Tagen einige interessante
Gespräche geführt. Von Alienta wusste ich schon längst, wer du
behauptest zu sein: Derjenige, der aus einer anderen Welt gerufen wurde, um als
Sprachrohr des alten unsterblichen Schurken zu dienen...“ Kurz blieb er stehen,
um auf Leathans Gesichtzüge zu blicken, als könne er seine Gedanken
darauf lesen. Dann erst ging er weiter und fuhr fort. „...Das ist nur zum Teil
die Wahrheit, wie ich vermute. Viel interessanter war nämlich, was ich aus
Looderas Gedanken erfahren habe. Ich denke in ihrem Wissen befinden sich mehr
Antworten, als meiner kleinen Novizin bewusst ist.“
Er lächelte zufrieden, als er einmal mehr zu Leathan
sah und sicherlich erkannte, dass er es geschafft hatte, ihn zu verunsichern.
Loodera war für Leathan die Hauptansprechpartnerin gewesen, als er zum
ersten Mal diese Welt erblickt hatte, er hatte ihr viel anvertraut und ihre
Gedanken waren nun nicht länger verborgen. Er fragte sich, ob er einen
Fehler gemacht hatte, als er den Schutz ihres Geistes aufgehoben hatte, doch es
war ihr Wunsch gewesen und noch immer glaubte er an die Wichtigkeit von freiem
Willen. Was genau wusste sie? Leathan konnte sich nicht an allem erinnern, was
er ihr gesagt hatte… Gab es etwas, das Anthalion nun gegen ihn verwenden
konnte?
Weiter stiegen sie die breite, steinerne Wendelltreppe
des Turmes hinauf. Durch einige schmale Fenster wehte die frische Meeresluft
herein, die Leathan dabei half, den Schmerz in seinen Beinen zu vergessen. Er
hatte schon den ganzen Tag trainiert und die Kräfte seines Körpers
waren am Ende. Vor dem König wollte er jedoch auf keinen Fall
Schwäche zeigen, so bemühte er sich, mit den sicheren, kräftigen
Schritten des Herrschers mitzuhalten. Endlich offenbarte die letzte Stufe
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