Die Quelle
Clans galt es, abends zu
ruhen, das Feiern fand meistens tagsüber statt. Hier in der Stadt wirkte
es fast so, als ob die Menschen erst abends aus ihren Behausungen heraus
gekrochen kamen… ‚Wie Ungeziefer’, fügte Sihldan gedanklich hinzu,
verärgert darüber, selbst auf Schlaf verzichten zu müssen, wo er
doch bei Kräften bleiben musste. Sihldan sah, wie Leathan an der letzten
Schänke vorbei ging, wo der Türsteher ihn herzlich zum Gruß
anlächelte, als sei er ein alter Bekannter. Leathan antwortete mit einem
Lächeln und einem Kopfnicken, doch statt in das Lokal hineinzugehen, ging
er diesmal weiter. Darüber war Sihldan erleichtert: es wäre schwer
gewesen, ihm erneut hinein zu folgen. Schon beim ersten Mal hatte Leathan kaum
an einen Zufall glauben wollen, der Ton, den er zur Begrüßung
angenommen hatte, war eindeutig ironisch gewesen.
Als Leathan hinter einer Düne verschwand, fragte
sich Sihldan, wo dieser nächtliche Spaziergang noch hinführen
würde. Weit konnte das Meer nicht mehr sein. Das Gelächter und
Getöse, das jedes Mal aus den Schänken drang, wenn eine Tür
geöffnet wurde, waren nicht mehr zu hören, sogar die Gerüche der
Stadt hatten sie zum größten Teil hinter sich gelassen; sie befanden
sich nun in einer fast wild wirkenden Landschaft, die überwiegend aus
Schilf und Sand bestand. Ein leicht modriger Geruch verriet, dass das
Flusswasser hier stagnierte und nur mühsam einen Weg ins Meer finden
konnte.
Unbeirrt lief Leathan weiter, vermied dabei gekonnt die
sumpfigen Wasserlöcher, als könne er im Dunkeln sehen. Plötzlich
blieb er stehen und drehte sich um. Er kehrte direkt zu dem kleinen Schilfbusch
zurück, hinter dem Sihldan versucht hatte, sich zu verstecken. Seine ungeduldige
Stimme klang fast befremdlich in dieser Wildnis.
„Komm raus, mein Freund, was soll das?“
Sihldan war eigentlich ein guter Jäger, der es immer
schaffte, sich unbemerkt an seine Beute heranzupirschen, doch Leathan zu
verfolgen war um einiges schwieriger. Er erinnerte sich daran, wie Leathan es
auf der Jagd geschafft hatte, Beute aufzuspüren, die nicht in Sicht-oder
Hörweite war. Er hatte die Fähigkeit, eins mit der Natur zu werden
und ihr all ihre Geheimnisse zu entreißen. Er konnte sich die Peinlichkeit
nicht ersparen, seinem Freund nun entgegenzutreten. Das Schilf raschelte, als er
sich aufrichtete und erzwungenermaßen antwortete. Für die
Dunkelheit, die sein Gesicht verbarg, war er dankbar.
„Leathan, ich hatte gehofft, du würdest auf Magie
verzichten.“, versuchte er zu scherzen und er konnte sehen, wie sein Freund
sich um ein Lächeln bemühte.
„Nun, ich werde wohl kaum auf Magie verzichten, wenn ich
im Dunklen durch den Sumpf wate… Weshalb spionierst du mir nach?“
Sihldan wusste, es gab keine gute Erklärung für
sein Verhalten, doch er musste zumindest versuchen, eine zu finden.
„Du hast zwar jetzt die Erlaubnis, dich frei in der Stadt
zu bewegen, dennoch stehst du noch immer unter meiner Verantwortung. Was
treibst du eigentlich so nah an der Küste? Wenn du nicht vorsichtiger
bist, stehst du bald Nase an Nase mit einem Seeungeheuer!“
Leathan sah ihn mit einem undurchschaubaren Blick an.
„Vielleicht ist genau das mein Ziel?“
Sihldan war nicht zum Scherzen zumute. „Wenn es dein Ziel
ist, dein Leben wegzuwerfen, dann kann ich es nicht verhindern, doch
würdest du es bitte nach den Turnierkämpfen machen?“ Sein
Ärgernis war nicht nur gespielt, doch Leathan war niemand; der sich
hätte davon beeindrucken lassen.
„Lass mich jetzt einfach weitergehen. Vertrau mir bitte,
ich werde bald in den Schlafgemächern zurück sein.“
„Gut, ich vertraue dir. Aber ich komme mit.“, entschloss
sich Sihldan, obwohl ihm so nah an den gefährlichen Gewässern unwohl
war.
Leathan hätte versuchen können zu protestieren und
Sihldan doch noch loszuwerden, doch er ahnte, wie wenig er der Sturheit eines
zukünftigen Clananführers entgegen zu setzen hatte. Ihn umzustimmen
würde ihm kaum gelingen.
„Tu aber bitte genau, was ich dir sage, ich möchte
nicht unser beider Leben wegen deiner Neugierde riskieren.“
Noch immer wusste er nicht zu welchem Zweck Sihldan ihn
verfolgte, dies herauszufinden, stand ihm als nächstes bevor. Vorerst
musste er sich jedoch ganz seiner Umgebung widmen. Die Küste war bereits
so nah, dass er das leise Rauschen der Wellen hören konnte, die sanft
gegen den Sand brachen. Das Meer erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit.
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