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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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vielleicht hier bleibst, um uns ein wenig zur Hand zu gehen.«
    »Dürfte ich für Paolina hierbleiben?«
    Al-Wazir lachte traurig. »Sie wird nicht wiederkommen, mein Junge. Etwas anderes zu denken ist nur törichte Hoffnung.«
    »England wird sie wieder ausspucken, wie der Tiger das Aas zurückweist.«
    »Das weiß ich nicht, Herr Messing. England hat die halbe Welt verschlungen und scheint uns alle verdauen zu können. Sie hat Schottland vor vielen Jahren runtergeschlungen, ohne dass es Beschwerden gab. Es ist das Rom unserer Zeit, nur dass unsere Straßen Schiffe sind, die zu Wasser und in der Luft fahren, keine Steinbänder, auf denen Armeen aufmarschieren.«
    »Rom war nur ein Wimpernschlag. Mein Volk erinnert sich an König Salomon, der der mächtigste Könige der Vorzeit war.«
    »Mein Volk wird von Königin Victoria beherrscht, die die größte aller heutigen Königinnen ist.«
    »Ich habe Paolina einmal gesagt, dass sie für mich die Obrigkeit ersetzen würde. Ich habe damals nicht verstanden, wie wahr diese Aussage ist. Ich werde Sie in ihrem Namen unterstützen.«
    Armer Kerl. »Du bist eine Statue, mein Junge. Du hast dich in ein junges Ding verliebt, das meiner Ansicht nach für jeden Kerl zu seltsam ist.« Er lächelte und reichte ihm die Hand. »Ich akzeptiere deine Hilfe und bin dir außerdem noch dankbar. Komm mit mir, Boas, und hilf mir dabei, die englische Flagge weiterhin wehen zu lassen.«
    Der Messingmann stand auf und ergriff seine Hand. Al-Wazir versuchte sie zu schütteln, aber es war so, als ob er einer Statue die Hand schüttelte. Stattdessen lachte er einfach.
    Gemeinsam verließen sie das Zelt.
    Seit dem Besuch der Notus hatte es keine weiteren Angriffe mehr gegeben. Die Langstreckenpatrouillen bestätigten zwar, dass sich die Messingarmee nur wenige Kilometer vor dem Lager befand, dort aber ein Camp aufgeschlagen und sich niedergelassen hatte. Es sah nicht so aus, als ob sie sich auf Scharmützel oder einen Großangriff vorbereiteten. Die Patrouillen im näheren Umfeld wussten nichts zu berichten, außer über die üblichen Dschungeltiere und afrikanische Seltsamkeit. Die Männer exerzierten in ihren Divisionen und in Schützenlinien; ihr Widerwille war ihnen anzusehen und erzürnte Hornsby, aber sie exerzierten. Al-Wazir kam zu dem Schluss, dass sie einen weiteren Angriff vielleicht überleben mochten.
    Die Krausköpfe vom Fluss waren mittlerweile sogar schon zu ihrem Lager gekommen. Das überzeugte al-Wazir, dass kein Angriff bevorstand. Die Einheimischen, die im Schatten der Mauer lebten, wussten sicherlich, auf welche Zeichen sie zu achten hatten, selbst wenn sie ihm verborgen blieben.
    Auch Hornsby hielt mit seinen Zeichen nicht hinterm Berg. Der Marinehauptmann war genauso zwiegespalten und besorgt wie der Rest des Lagers.
    »Wir dürfen in unserem eigenen Lager nicht uneins sein«, murmelte er. Sie standen abends auf der Palisade, rauchten Zigarren und starrten gen Norden in die afrikanische Nacht. Obwohl sich die Mauer nicht in ihrer Sichtlinie befand, so ragte sie doch in ihrem Bewusstsein stets hoch über ihnen auf – sie veränderte die Winde und das Wetter genauso wie sie das Tageslicht überschattete. Manchmal war es einfach besser, Affen dabei zuzusehen, wie sie durch die Bäume sprangen, und das blasse Leuchten nachts blühender Pflanzen zu genießen.
    »Ich weiß«, sagte al-Wazir leise. »Eine zweigeteilte Mannschaft wird sich nicht zusammenreißen, wenn es darauf ankommt. Wir leben und sterben als Kameraden.«
    »Dann musst du das mit dem Professor in Ordnung bringen.« Ein langer, langsamer Zug an der Zigarre folgte, der ihre Spitze zum Glühen brachte, dann wieder verlöschte und aufglühte. »Er nimmt es dir immer noch übel, dass du das Mädchen nach Hause geschickt hast.«
    »Nein.« Er war überrascht, dass ihn das immer noch aufregte. »Er hat mich nicht zu verurteilen. Mein Auftrag untersteht einer völlig anderen Autorität.«
    »Ein Schiff kann keine zwei Kapitäne haben.«
    »Das hier ist kein Schiff, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest.« Al-Wazir sog an seiner Zigarre und brachte seine Verärgerung unter Kontrolle, die dazu geführt hatte, dass er wieder im Akzent seines heimatlichen Lanarkshire sprach. »Es tut mir leid. Es gibt für uns keinen Grund zu streiten, Hauptmann.«
    »Das macht nichts«, sagte Hornsby und fuhr fort: »Ich habe doppelte Befehlsstrukturen immer verachtet. Wenn wir alle unter einem Kommando stünden, deinem oder

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