Die Räder des Lebens
einer instinktiven Verbeugung. »Ich bin nicht in alles eingeweiht. Ich kenne nur die Weisungen der Admiralität.«
»Ah. Vielen Dank. Du hast mir erneut sehr viel gesagt, mehr als du vielleicht solltest.« Worte , dachte Childress. Sie musste ihre folgenden Worte sehr sorgfältig auswählen. »Was diese Erfordernisse betrifft.« Es war Zeit, einen Schuss ins Blaue abzugeben. »Chersonesus Aurea und das dortige Projekt.«
Er klang sehr angespannt. »Die Gefederten Masken beschäftigen sich damit eingehend. Die Maske Poinsard hätte ein großes Interesse daran, wäre sie auf meinem Schiff.«
Childress war nicht wohl bei dem Gedanken, dass er so offen über ihre Identität sprach, wenn der Politoffizier sie belauschen konnte. Lief ihr Leben wirklich darauf hinaus?
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du gegen deine eigene Admiralität Einspruch erheben würdest, geschweige denn gegen den Himmelssohn auf seinem Drachenthron. Alles unter dem Himmel hat seinen Platz und seinen Namen. Du sogar mehr als andere, denn du hast deinen Diensteid geleistet.«
»Dem ist so.« Leung schien sich im kalten Wasser auch nicht wohlzufühlen.
Hatte sie richtig geraten? Oder sich damit in Gefahr gebracht? Eine Szene spielte sich vor ihrem geistigen Auge ab – Anneke, wie sie verblutete, und wie knapp Childress dem Tod entronnen war, den dieser Mann hätte befehlen können. Sie musste weitermachen.
Die Maske Poinsard hätte es getan. Eine Bibliothekarin, die sich so weit von zu Hause befand, konnte nicht weniger tun als diese brutale Herzogin.
»Es ist möglich, dass ein Mann, der auf hoher See und unter dem Ozean zu überleben gelernt hat, die Regeln des blinden Gehorsams hinter sich lässt und für sich selbst zu denken beginnt und eigene Meinungen entwickelt.« Sie hatte den Eindruck, dass ganz kurz ein Lächeln über sein Gesicht huschte. »Eine Außenseiterin, die vor die Admiralität Beiyangs gebracht wird und sich in gewissen geheimen Dingen auskennt und mit ihnen vertraut ist, könnte unter Umständen gewisse Warnungen aussprechen, die von den eigenen Leuten nicht aufgebracht werden dürfen. Zumindest nicht zu Anfang.«
»Und der Gedanke dabei ist …?« Mit einer Geste bedeutete er ihr weiterzusprechen.
»Das ist der Gedanke einer Maske«, sagte sie zu ihm und log damit, wie sie noch nie gelogen hatte: eiskalt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. »Das ist der Gedanke der Maske Childress, die anstelle einer schwächeren Frau erscheint, die auf See verloren gegangen ist.«
»Du würdest ein Kaiserreich deinem Willen unterwerfen wollen?«
»Ich unterwerfe nichts und niemanden meinem Willen. Ich sage nur, was bekannt ist und mir vernünftig erscheint. Eine Goldene Brücke würde für China Gefahren heraufbeschwören, die die Briten wie zarte Schoßhündchen aussehen ließen. Ich kann das nicht mit Sicherheit behaupten und hoffe im Gegenzug, dass diese Offenheit mir die notwendige Glaubwürdigkeit verschaffen wird. Jeder, der behauptet zu wissen, was jenseits der Mauer liegt, entstellt eine ungewisse Wahrheit bis in die Unkenntlichkeit. Jeder, der das fürchtet, was jenseits der Mauer liegt, beweist gesunden Menschenverstand.«
Leung rieb sich über das Gesicht, als ob er die Müdigkeit beiseitewischen könnte, die seine Gedanken vernebelte. »Wäre ich der Admiral, dann könnte ich sagen: Also wirst du eine Flotte versammeln und gegen deine Königin ziehen?«
»Nein. Ich bin keine Verräterin.« Nur eine Lügnerin , dachte sie, die falsches Zeugnis ablegt . »Wenn ich das wäre, dann gäbe es keine Grundlage, mir zu vertrauen. Mit meinen Bemühungen diene ich den Interessen sowohl von Adligen als auch Bauern. Es macht keinen Unterscheid, ob sie unter dem Mandat des Himmels oder der schützenden Hand der Britischen Krone leben. Wir sind alle Gottes Kinder – oder des Himmels, wenn du das bevorzugst. Was jenseits der Mauer liegt, ist eine weitere Schöpfung.«
Er musterte sie eine Zeit lang. Es war ein offener Blick, das sah sie an seinen funkelnden Augen. »Wenn ich mich noch gefragt hätte, warum ich die eine Frau verschont habe und nicht die andere, so würde ich jetzt sagen, dass die Seelen meiner Vorfahren mir den richtigen Weg gezeigt haben. Wie du schon sagtest, habe ich keine Meinung, sondern führe nur Befehle aus. Admiral Shang in Tainan ist ein hochmütiger Mann, aber er ist nicht töricht. Wie ich steht auch er jenseits üblicher Ehren. Darum lebt er in Tainan und nicht in der Nähe des Himmlischen
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