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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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Hofs. Im Gegensatz zu mir kann er allerdings Schiffe auf ihren Weg bringen und Männer sich vor ihm verbeugen lassen.«
    »Auch du bringst ein Schiff auf den Weg, Kapitän.«
    »Ja, aber nicht alle meine Männer verbeugen sich vor mir.«
    Das Problem Choi durften sie niemals vergessen.
    Er stand auf und nickte ihr zu. »Du hast bewiesen, dass du andere in Erstaunen versetzen kannst, Maske Childress. Mögest du ein langes und glückliches Leben führen, und möge dir doppeltes Glück auf deinem Weg beschert sein.«
    Das klang verdächtig nach einem Abschied, so sehr, dass sie unwillkürlich erstarrte, als er die Offiziersmesse verließ. In diesem Augenblick erwartete sie, dass der Politoffizier Leungs Platz einnehmen und seine Pistole ziehen würde. Doch nichts geschah, außer dass ihr Herz zu rasen begann und sie von panischer Angst ergriffen wurde. Einige Zeit später kehrte Childress in ihre Kabine zurück, um sich darüber Gedanken zu machen, ob ihr heutiges Verhalten klug oder eine nicht gutzumachende Torheit gewesen war.
    Es machte im Endeffekt vielleicht keinen Unterschied, aber sie hatte eine schreckliche Lüge in eine viel akzeptablere umgewandelt. Und Leung war nun ihr Verbündeter, so sehr, wie es ein Mann nur sein konnte, ob nun Chinese oder nicht.
    Sie fragte sich, ob seine außergewöhnliche Persönlichkeit die Tatsache, dass er Chinese war, ausglich. Childress hatte wenige Neuengländer kennengelernt, die es mit Leungs Anmut, Höflichkeit und seinem rücksichtsvollen Verhalten aufnehmen konnten.
    Choi präsentierte sich am nächsten Morgen beim Frühstück, als sie gerade kalten Fisch aß, der mit Streifen einer hellen, fleischigen Paprika versetzt und auf kaltem Reis kredenzt worden war – dieses Gericht mochte sie am wenigsten. Er zeigte ihr erneut das Handzeichen des weißen Vogels und stellte sich dann neben sie.
    »Nǐhǎo?«, sagte sie und bemühte sich, ihn mit dem wenigen Chinesisch, das sie auf ihrer Reise aufgeschnappt hatte, höflich zu begrüßen. Auf diesem Schiff wurden mindestens zwei verschiedene Sprachvarianten gesprochen, genauso wie ein englisches Schiff Offiziere Ihrer Majestät an Bord hatte, aber die Matrosen Griechisch, Türkisch, Französisch oder eine beliebige andere Sprache ihrer Untertanen bevorzugten.
    »Hallo.« Sein Lächeln gab den Blick auf braune Zähne mit vielen Lücken frei. Es machte diesen Moment zu einem traurigen Erlebnis. Hatte sich nie jemand um diesen Mann gekümmert?
    Sie erwiderte sein Lächeln und aß widerwillig weiter.
    »Sie müssen sich erklären«, sagte Choi.
    Das ist also die Stunde der Wahrheit , dachte sie. Er ist hier, um mich wegen meines Verrats zu stellen.
    Sie entschloss sich, Childress zu sein, ob nun Maske oder nicht, und ihr treu zu bleiben. Hilf mir jetzt, Herr, so, wie du mir noch nie zuvor geholfen hast. »Ich bin, wer ich bin«, sagte sie auf Englisch und lief rot an, weil ihr klar wurde, was sie mit dieser Aussage voraussetzte.
    Er legte den Kopf zur Seite, wie ein Vogel, der eine überfahrene Katze betrachtete. »Selbe Maske, nicht selbe Frau?«
    »Ich bin ein weißer Vogel, Mitglied der Gefederten Masken.« Das stimmte, wenn man es aus ihrer Perspektive betrachtete.
    »Die Vögel fliegen weit, aha.« Choi nickte. »Wo Poinsard?« Er sprach den Namen seltsam aus, Pu-jin-sah, aber sie verstand, was er sagen wollte.
    »Ich übernehme ihren Platz und halte die Fahne der avebianco hoch.« Childress überlegte, es mit Schmeichelei zu versuchen. »Gerade Sie sollten das verstehen.«
    Sein Lächeln hatte sich keinen Millimeter verändert und schien ihr immer mehr das Lächeln eines Idioten zu sein. »Poinsard kommt, um etwas zu bringen. Angelegenheiten der Vögel. Macht Flug gut.«
    »Was sie brachte, Mr Choi, bin ich. Ich bin der Grund ihrer Reise.«
    »Sie mächtige Waffe?«
    Einmal lügen, immer lügen. »Ich bin die Maske Childress. Mehr gibt es nicht zu wissen.«
    »Große Reliquie sie sein, Volk von England. Bringen es Himmelskaiser, ja?« Sein Lächeln verwandelte sich in ein sehr schlichtes und zugleich brutales Grinsen. »Sie Große Reliquie, Poinsard kein Gespür.« Choi nickte. »Kaiser wissen alles.«
    Damit verschwand er.
    Große Reliquie? Der Messing-Christus hatte sieben Große Reliquien hinterlassen. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Choi seine Worte in diesem besonderen christlichen Sinne gemeint hatte. Der Gedanke, dass die Maske Poinsard eine der Großen Reliquien mit sich über den Atlantik geführt haben sollte,

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