Die Räder des Lebens
wirkte ungläubig, fast schon wütend. »Du glaubst, ich brauche bloß einen Namen?«
»Du bist Messing. Das bist du, in deinem tiefsten Inneren. Ich habe dich Boas genannt, um dich von den anderen zu unterscheiden, und du hörst problemlos darauf. Nur ist dieser Name noch nicht in deinem Inneren angelangt.«
»Ich bin Messing«, sagte er langsam. »Dafür wurde ich erschaffen, das bin ich auch.«
»Aber wenn du dir selbst gehörst, dann kannst du sein, wer du willst.«
Der Messingmann schüttelte seinen Kopf, als ob er diese Idee damit aus seinem Kopf verbannen könnte. »Wenn du mir also sagst, ich bin Boas, dann befreist du mich? So einfach kann es nicht sein.«
»Das ist es auch nicht. Es geht nicht darum, ob ich dir sage, dass du Boas ist; es geht darum, dass du dir sagst, dass du Boas ist. Gib dir selbst einen Namen.«
»Wie?« In seiner Stimme lag wieder unerträgliche Qual.
»Mit Chrisam«, sagte eine tiefe, kratzige Stimme.
Sie drehten sich beide überrascht um und sahen einen groß gewachsenen Mann – fast schon ein Riese, dessen rote Haare leicht ergraut waren – in der Zelttür stehen.
Er grinste. »Wenn man einem Mann seinen Namen geben will, dann gibt man ihm Chrisam. Man tauft ihn, wie mit dem Wasser des Herrn.«
»Ich …« Paolina wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Ist auch egal. Wenn der Metallmann da getauft werden will, dann soll es so sein.« Der große Mann lehnte sich nach draußen und rief jemandem zu: »Trucci! Besorg mir ein Viertelpunkt des Maschinenöls Nummer zwei aus dem Lager. Und eine vernünftige Schüssel. Aber zack-zack.«
Er kam herein und ließ die Zelttür hinter sich herunterfallen. »Bootsmann Threadgill Angus al-Wazir von Ihrer Kaiserlichen Majestät Royal Navy. Meine Aufgabe ist es, die Sicherheit des Tunnelbaus zu garantieren, egal, was uns die Mauer entgegenwirft.« Er klatschte in die Hände, als ob er ein großes Kind wäre. »Und ihr müsst meine Besucher sein, Paolina Barthes und ihr sprechender Messingmann, die mir im besten Englisch erzählen wollen, was weit über uns geschieht und warum dieser bunt gemischte Haufen uns mit seinen Waffen angreift und in einen Kampf verwickelt, den wir niemals gewollt haben.«
Endlich ein Zauberer, dachte Paolina. Niemand, der sich so benahm, konnte weniger als der Herrscher über seine Umgebung und die Welt im Allgemeinen sein. »Offizier al-Wazir«, sagte sie. »Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, einen von Bassetts Zauberern und Englands Botschafter auf a Muralha . Es ist fast so, als ob Sie mir geschickt wurden, um meine Wünsche zu erfüllen.«
Er wirkte belustigt. »Hornsby sagte mir schon, dass du ein bisschen verrückt bist, aber da wird er dir nicht gerecht, Mädchen. Es freut mich aber auf jeden Fall, dich kennenzulernen. Du kannst ja nicht nur aus heißer Luft und dem üblichen Frauengeschwätz bestehen, wenn du zwei von Perks’ Leuten erledigt hast.« Sein Lächeln wirkte nun angespannt. »Missversteh mich aber bitte nicht. Da draußen sind ein halbes Dutzend Männer mit Gewehren und Bajonetten, sollte irgendwas zwischen uns schief laufen. Damit rechne ich aber nicht.«
»Ich bin nicht einmal halb so gefährlich, wie Sie denken«, sagte Paolina.
»Oh doch, das bist du«, antworteten al-Wazir und Boas gleichzeitig. Die beiden starrten sich an. Der große Schotte fing zu lachen an, erst langsam und leise, aber dann so laut und herzhaft, dass ihm die Tränen aus den hellblauen Augen liefen.
Wenige Minuten später erlebten sie gemeinsam einen Augenblick der Stille, der ihrer Einschätzung nach für al-Wazir äußerst unüblich war. Er hatte darauf bestanden, dass sich Boas kniete: »Der einzig richtige Weg, wie sich ein Mann dem Herrn präsentieren darf.« Und jetzt stand er mit einer kleinen Tonschüssel voll Maschinenöl vor dem Messing.
»Ist ja nicht so, dass du wirklich eine richtige Taufe bräuchtest«, polterte al-Wazir. »Außerdem bräuchten wir ’n kleines Kleid für dich und ’n Pfarrer, dem du auf den Arm pinkeln kannst.« Er tauchte einen Finger in die Schüssel und zog dann mit dem Öl eine Linie über Boas’ Stirn. »Aber dennoch – im Namen Gottes und der Menschen und dir selbst als Messing, nimm nun den Namen –« Er hielt inne und sah zu Paolina hinüber.
»Boas«, sagte sie.
»– Boas an. Mögest du dir allein gehören, bis Gott dich nach Hause ruft oder du dich freiwillig dem langen Schlaf hingibst.« Er wischte seine Finger an Boas’ Schulter sauber. »So, mein Junge,
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