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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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dass man dich, wenn du auch nur die Hälfte von dem kannst, was du hier behauptet hast, ohnehin nicht lange zügeln könnte. Auch für dich gilt diese Regelung, solange du bereit bist, dein Wort zu denselben Bedingungen zu geben wie dein Freund Boas hier. Da du nach England reisen und die bedeutenden Denker unserer Zeit kennenlernen willst, mache ich mir über dein Verhalten keine allzu großen Sorgen.«
    »Sie schicken mich nach England? Wann?«
    »Wann ich kann, Madam.« Er verspürte den Drang, sich zu verbeugen, aber er riss sich zusammen. »Es gibt im Moment keine geplanten Reisetermine, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass uns das eine oder andere Schiff oder Luftschiff bald aufsuchen wird. Einen Schlafplatz kann ich auf jeden Fall organisieren.«
    Boas nickte. »Und wenn Paolina abreist, was wird dann aus mir?«
    »Du, Herr Messing, wirst dann als freier Mann in die Wälder unserer Umgebung gehen oder hierbleiben und mir dabei helfen, diese lächerlichen Angriffe zu einem Ende zu bringen. Bis sie uns verlässt, bist du der beste Wächter und Leibwächter für sie, bei Tag und bei Nacht. Ich kontrolliere nicht alle Männer in diesem Lager. Wenn du ihr treu bist, dann ist dies deine Bewährungsprobe.«
    Boas nickte. »Vielen Dank, Bootsmann.«
    Al-Wazir musterte Paolina erneut. Sie nickte, und in ihrem offenen Blick lag wenig Zurückhaltung.
    Er fragte sich, was wohl Kitchens und Lloyd George mit diesem seltsamen Mädchen anfangen würden, das von der Mauer herabgestiegen war. Es schien durchaus möglich, dass sie ein moderner Newton werden könnte. Er konnte nicht sagen, was das für England und die Welt zu bedeuten hatte, aber er wusste, dass es viel schlimmer wäre, wenn sie zuerst auf die Chinesen stieße oder ohne jedwede Führung ihren Weg zur Erwachsenen zurücklegen müsste.
    Al-Wazir suchte Ottweill auf. Der Doktor würde natürlich am Tunnel sein. Obwohl es nicht geplant worden war, direkt am Tunnel für Unterkünfte zu sorgen, hatte al-Wazir einige Männer darauf angesetzt, Ottweill eine kleine Teakholzhütte zu bauen. Der direkte Zugang zu seinem Arbeitsplatz schien einige seiner schlimmeren Wutanfälle abzuwenden und ließ ihn ständig in der Nähe seiner geliebten Maschinen sein.
    Sie fraßen sich seit achtzehn Tagen in die Mauer und hatten den Tunnel fast vierhundert Meter in den Fels getrieben. Bisher waren sie nicht auf festes Gestein gestoßen und hatten daher weder den Bohrmeißel wechseln noch den Bohrer für den üblichen Explosionsvortrieb zurückziehen müssen. Ottweill hatte bekannt gegeben, dass der Bohrer Nummer eins am zwanzigsten Tag aus dem Tunnel zurückkehren und durch Nummer zwei ersetzt werden würde. Er wollte die Belastung des Metalls und die Ausfälle der Mechanik analysieren, die unter diesen Umständen aufgetreten waren.
    Nicht, dass Ausfälle erwartet wurden, natürlich.
    Direkt vor dem Tunnel stand eine Arbeitergruppe. Die Männer beluden einige flache Waggons mit zusätzlichen Schienen, die im Tunnel für den Vortrieb benötigt wurden. Da der Bohrer nur langsam vorangekommen war, hatten die Mannschaften die Gelegenheit gehabt, ihre entsprechenden Aufgaben und Abläufe in Ruhe zu perfektionieren. Wenn der Vortrieb beschleunigt wurde oder etwas schiefgehen sollte, wären sie bestens vorbereitet.
    Al-Wazir befand das für gut.
    Er stieß Mercks an, den Eisenbahner mit der gebückten Haltung, den er damals in Kent kennengelernt hatte. »Ist seine Majestät unten im Loch?«, brüllte al-Wazir. Das Getöse der Vibrationen innerhalb der Mauer war laut genug, um jedem Mann Ohrenschmerzen zu bereiten, wenn er nur nah genug am Tunnel stand. Al-Wazir fragte sich, wie die Bohrerfahrer damit fertig wurden. Selbst wenn Ottweill nicht vorgehabt hatte, Taube für diesen Job zu engagieren, so würde er recht bald ein paar zur Hand haben.
    Mercks nickte. »Ja, und er brüllt irgendwas wegen der Bohrmeißel oder so.«
    Ottweill brüllte in den meisten Fällen wegen irgendetwas.
    Al-Wazir wusste genau, dass er keinen Eisenbahner zum Fortschritt des Tunnelbaus befragen sollte. Jede der Mannschaften war höchst eifersüchtig, wenn es um die eigenen Aufgaben ging, und legte eine aggressiv ausgelebte Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit der anderen an den Tag.
    »Geht ihr bald ins Loch?«
    Ein weiteres Nicken. »Ja.«
    »Wenn der gute Professor mal keine schlechte Laune hat, sag ihm, dass ich ihn sprechen will.«
    Al-Wazir zog sich auf die kleine Veranda von Ottweills Hütte zurück.

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