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Die Rückkehr der Templerin

Die Rückkehr der Templerin

Titel: Die Rückkehr der Templerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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schlaftrunken aufsetzte und fröstelnd den Mantel enger um die Schultern zog, folgte ihr Blick dem Spiel von Licht und Schatten, die lautlos über die Wände tanzten. Für einen Moment schienen sie sich zu nervösen Szenen zu gruppieren; winzige Schattenkrieger, die einander hetzten und umschlichen, lautlose Heere, die behäbig zur Schlacht aufmarschierten und wieder verschwanden, Jäger und Beute, die in rasendem Wechsel die Plätze tauschten, und dann, für einen Moment, glaubte sie ein Gesicht in den Schatten zu erkennen.
    Aber es war nur Einbildung. Salim war nicht hier.
    Das Schrillen in ihren Ohren hielt an. Robins Benommenheit war mittlerweile weit genug verflogen, dass sie das Geräusch erkannte: Es war die Glocke, die zum Matutin rief, dem mitternächtlichen Gebet, und sie hatte sie nicht nur aus tiefstem Schlaf gerissen, sondern auch aus den Klauen eines ebenso wirren wie beklemmenden Albtraumes befreit. Robin erinnerte sich nicht genau, was sie geträumt hatte, aber es war schlimm gewesen. Nicht einmal mehr im Schlaf schien sie Frieden zu finden.
    Das Schrillen der Glocke schien nun ungeduldiger zu klingen. Robin schüttelte den Rest ihrer Benommenheit ab, schwang die Beine aus dem Bett und biss mit einem scharfen Laut die Zähne zusammen, als ihre nackten Fußsohlen den eiskalten Boden berührten. Sie sollte sich besser beeilen. Odo würde es ganz gewiss nicht positiv vermerken, wenn sie zu spät zum Matutin - oder gar überhaupt nicht! - kam, und was Gerhard von Ridefort anging … Nein, Robin zog es vor, lieber nicht darüber nachzudenken, in welchem Maße sie sich den Groll des Ordensmarschalls zugezogen haben mochte. Horace jedenfalls hatte mehr als besorgt ausgesehen, als er sie nach dem Essen hier herunterbegleitet hatte. Robin hatte eine entsprechende Frage gestellt, doch der Komtur hatte sie so derb angefahren, dass sie es nicht gewagt hatte, ihre Frage zu wiederholen.
    Rasch schlüpfte sie in ihre Stiefel, wobei sie sich vielleicht zu schnell oder auch zu weit vorbeugte, denn ihr wurde prompt wieder übel, sodass sie weitere, kostbare Augenblicke damit verlor, reglos und mit zusammengebissenen Zähnen dazusitzen und darauf zu warten, dass ihr Magen seine Versuche einstellte, ihre Kehle heraufzukriechen. Robin vertrieb sich die Zeit damit, lautlos auf die Unzulänglichkeit ihres eigenen Körpers zu fluchen, der sie in letzter Zeit immer schmählicher im Stich ließ. Sie verfluchte sich selbst dafür, auf Salim gehört und nicht mehr mit ihren Waffen geübt zu haben. Die zwei Jahre, die sie mit kaum etwas anderem verbracht hatte, als eine Frau zu sein, rächten sich nun bitter. Sie war verweichlicht, und ihr Körper präsentierte ihr unerbittlich die Rechnung für all die Monate, die sie in Überfluss und Bequemlichkeit verbracht hatte.
    Endlich hörte ihr Magen auf zu revoltieren, sodass sie aufstehen und ihre Kammer verlassen konnte. Das Läuten der Glocke brach ab, als sie die schwere Holztür hinter sich schloss, aber Robin wandte sich trotzdem hastig um und lief so schnell den nur von wenigen, heftig rußenden Fackeln erhellten Gang hinab, wie sie gerade noch konnte, ohne wirklich zu rennen. Gottlob hatte sie sich den Weg zum Hof hinab gründlich eingeprägt, sodass sie nicht Gefahr lief, sich in den labyrinthischen Gängen und Tunnelgewölben der Festung zu verlaufen.
    Dennoch war sie die Letzte, die - gerade noch mit dem allerletzten Schlag der Glocke - in die kleine Kapelle trat. Sämtliche Templer waren hier versammelt - Odo, Horace und Ridefort standen ganz vorne in der rechten der beiden sich an den Längsseiten der Kapelle gegenüberstehenden Bankreihen -, und Robin fuhr leicht erschrocken zusammen, als sie sah, dass sie als Einzige barhäuptig eingetreten war. Hastig schloss sie die Tür hinter sich, schlug in der gleichen Bewegung die Kapuze ihres Mantels hoch und kniete in der letzten Bankreihe nieder; gerade noch im letzten Moment, bevor die Messe begann.
    Robin hatte Mühe, dem Zeremoniell zu folgen. Ihre Lippen bewegten sich, ohne die lateinischen Worte des Gebetes wirklich zu formen, und es wurde noch schlimmer, als die Ritter im Wechselspiel der beiden Seiten zu singen begannen. Plötzlich war sie sehr dankbar für die weit nach vorne gezogene Kapuze ihres Mantels, die ihr Gesicht fast vollkommen verbarg, sodass ihr kleiner Betrug wenigstens nicht auf den ersten Blick auffiel. Sie hatte so vieles vergessen und so vieles erst gar nicht gewusst. Während ihrer Zeit in der

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