Die Rückkehr des Zweiflers - Covenant 08
im Geringsten zu zögern, »manchmal nützlich ist, zwischen Baum und Borke zu stecken.«
Das klang, als sei er unerklärlich stolz auf sich selbst.
Ehe Linden noch eine passende Antwort einfiel, fügte er hinzu: »Du solltest zusehen, dass du etwas Schlaf bekommst. Das mit dem frühen Aufbruch ist mein Ernst.«
Noch immer ohne sie anzusehen, hob er eine der Wolldecken auf, kehrte an seinen vorigen Platz zurück und verhüllte Kopf und Schultern damit, als wolle er sich so weiteren Fragen entziehen. Durch das schmutzige Gewebe getarnt, schien er mit der Felswand hinter sich zu verschmelzen. Jeremiah folgte prompt seinem Beispiel, und wenige Augenblicke später war auch ihr Sohn kaum mehr von irgendeinem Felsvorsprung zu unterscheiden.
Linden hatte noch keinen der beiden schlafen gesehen – kein einziges Mal, seit sie in zehntausend Jahren von heute nach Schwelgenstein eingeritten waren. Bestimmt schliefen sie auch jetzt nicht. Aber sie machten unmissverständlich klar, dass sie nicht mehr antworten würden, wenn sie angesprochen wurden.
Esmer hatte ihr erklärt: Du musst die Erste sein, die von dem Erdblut trinkt, aber Linden wusste nicht, was aus Covenant und Jeremiah werden würde, wenn sie tat, was Cails Sohn verlangt hatte. Sie konnte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn sie ihren Sohn zu retten versuchte, ehe Covenant zugunsten des Landes handeln konnte.
Ganz gleich, was sie auch tat, war Jeremiah für sie verloren. Trotzdem liebte sie ihn ... und das Land. Und sie dachte nicht daran, Roger zu vergessen. Oder Joans Ring.
10
Taktik der Konfrontation
Wie Covenant vorausgesagt hatte, verließen sie Bargas Schlitz noch vor dem Mittag, und Linden sah die Würgerkluft erstmals deutlich. Nach einem langen, kalten Marsch durch das beengte Halbdunkel der Schlucht traten ihre Gefährten und sie kaum einen Steinwurf vom Rand eines großen Waldes wieder in Sonnenschein hinaus. Hinter ihnen bildeten die Letzten Hügel einen zerklüfteten, bröckelnden Wall gegen die Mittlandebenen und den Rest des Landes, und vor ihnen erstreckte sich Caerroil Wildholz' weites Revier: düster und bedrohlich, so weit Lindens Blick reichte.
Am Fuß kahler Hügel neben einem eingefrorenen Rinnsal stehend glaubte Linden, die Nähe eines alten, unbeschreiblichen und bedrohlichen Wesens zu spüren. Aber obwohl sie ihren Gesundheitssinn anstrengte, konnte sie kein Anzeichen von Theurgie oder Gefahr wahrnehmen – und nichts, was an die numinose Musik erinnerte, die sie zuletzt in Andelain gehört hatte. Sie sah nur Bäume und noch mehr Bäume: majestätische Zedern und Tannen, dazwischen einzelne Kiefern und vom Winter entlaubte Gilden, Eichen, Ulmen, Platanen, Espen und Birken, die ihre Äste nackt und skelettartig der Sonne entgegenreckten. Hier und da wuchsen Zwergwacholder, vertrocknete Farne und Aliantha, aber ansonsten war der Waldboden mit einer in zahllosen Jahrhunderten gefallenen Laubschicht bedeckt, die einen verrottenden und nährenden dicken Teppich bildete.
Trotzdem flüsterten ihre vom Frost schwarzen Blätter und kahlen Äste Warnungen in die Morgenbrise. Die Bäume des Landes litten seit Jahrtausenden unter Rodungen und Kahlschlägen; hier sannen sie in ihrem starken, hasserfüllten Herzen auf Rache. Linden hatte gehofft, einen Blick auf die Westlandberge, vielleicht sogar auf den Melenkurion Himmelswehr erhaschen zu können. Aber dafür war die Würgerkluft zu breit, und zu viele der hier wachsenden Bäume waren Riesen, turmhohe Monolithe von der Höhe von Mammutbäumen; sie verbargen, was hinter ihnen lag.
Heute vor Tagesanbruch hatten sie auf Covenants Anweisung die Pferde zurückgelassen. Eine unvermeidliche Entscheidung: eines der Tiere, ausgerechnet Lindens Pferd, war nachts verendet, und die beiden letzten Pferde konnten keine drei Reiter tragen. Statt eines oder beide ihre Vorräte tragen zu lassen, hatte Linden ihnen den Rest Heu und Hafer hingeschüttet und die abgesattelten Pferde dann sich selbst überlassen. Mehr konnte sie nicht für sie tun. Nachdem sie so viel Proviant, wie sie gut tragen konnte, zu einem Bündel verschnürt hatte, das sie über die Schulter nahm, war sie Covenant und Jeremiah tiefer ins Dunkel und den kratzigen Wind von Bargas Schlitz gefolgt. Ihr Marsch durch die düstere Schlucht war ihr endlos lang und bitter erschienen: im Prinzip zum Scheitern verurteilt. Covenant hatte die Würgerkluft als den gefährlichsten der alten Wälder bezeichnet. Er hatte gesagt,
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