Die Schleier der Salome - Walz, E: Schleier der Salome
ist es«, entgegnete Sadoq ein wenig ärgerlich. »Ich würde den Mord rückgängig machen, wenn ich könnte. Doch in jenem Moment … Hört auf, meinen Namen zu benutzen. Ich will mit eurer Gruppe nichts zu tun haben.« Das hatte ein wenig scharf geklungen, daher klopfte er Zelon auf die Schulter und fuhr etwas freundlicher fort: »Aber an dir liegt mir etwas. Wir sind Freunde seit Kindertagen, darum bitte ich dich: Verlasse die Gruppe, bevor es zu spät ist. Lass uns die Toten des Gemetzels ehren. Sie sollen nicht zum Vorwand für neues Blutvergießen werden.«
Zelon streifte Sadoqs Hand ab. »Vorwand?«, rief er und vergaß, dass sie auf einer belebten Gasse standen. »Ich kann nicht glauben, dass du so etwas sagst. Wärst du kein Held des Volkes, Sadoq, ich würde dich bei nächster Gelegenheit niederstechen wie einen Hammel.«
Sadoq blickte seinen Freund erschrocken an. In seinen Augen glitzerte etwas, das Sadoq noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte.
Hinter einem Stapel Fässer lauerte Akmes Bote, krampfte seine Hand um den Dolch und beobachtete Archelaos, wie er aus der Schenke trat und seine dünnen Arme dem Sternenhimmel über Rom entgegenreckte.
»Ah, das war gut«, rief Archelaos und blieb noch einen Augenblick so stehen. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesichtsausdruck friedlich. Nikolaos erinnerte sich nicht, wann er seinen Schüler das letzte Mal so entspannt gesehen hatte. In den Jahren in Jerusalem, in der Nähe des Königs, hatte Archelaos angestrengt und unruhig gewirkt. Sein ohnehin langes und schmales Gesicht war an den Wangen ein wenig eingefallen, und die Augenhöhlen waren tiefer geworden. Unmittelbar nach Herodes’ Tod lebte Archelaos zwar wieder auf, fiel aber in ein anderes Extrem und torkelte täglich betrunken durch den Königspalast. Erst hier in Rom fing er sich wieder. Hier war sein eigentliches Zuhause. Die Hauptstadt des Imperiums mit ihren tausend Straßen, Tavernen und Lichtern, ihren billigen Festen und schrankenlosen Vergnügungen war seine eigentliche Sehnsucht, und Archelaos wäre gewiss lieber ein römischer Patrizier mit mittlerem Einkommen als ein unermesslich reicher König von Judäa geworden.
Archelaos öffnete seine Augen wieder und funkelte den zwölfjährigen Sohn seines Beraters an. »Wie ich dich beneide, Timon. Dein Vater war so weise gewesen, dich hier zu lassen. Mich hat man von Rom weggerissen.«
»Mit Weisheit hat das nichts zu tun«, wiegelte Nikolaos ab, bevor sein Sohn etwas dazu sagen konnte. »Ich habe Timon damals nicht deswegen in der Obhut des Palatinischen Palastes belassen, weil Rom für ihn so gut und Jerusalem so schlecht gewesen wäre. Ich glaube sogar, dass das fromme Jerusalem manchen Vorzug vor dieser Stadt hat, die sich immerzu nur amüsieren will. Doch der Hof des Herodes erschien mir damals als zu gefährlich.«
»Gehen wir weiter«, bat Archelaos, dem die bloße Erwähnung seines Vaters die Laune verdarb. »Ich möchte noch eine andere Taverne aufsuchen, in die ich früher gerne gegangen bin. Keine Angst, alter Freund, ich werde mich nicht betrinken, denn ich möchte auf eines der Schankmädchen einen guten Eindruck machen. Ich habe sie« – Archelaos kicherte und zwinkerte mit einem Auge – »sehr verehrt, um nicht zu sagen …«
»Bitte, Archelaos, nicht. Ich habe verstanden.«
»Ich nicht«, wandte Timon ein.
»Alles andere hätte mich auch sehr beunruhigt«, scherzte Nikolaos, seufzte und nickte Archelaos schließlich zu. Sein Schüler schwelgte offenbar in Erinnerungen, daher erklärte er sich mit diesem zweiten Tavernenbesuch einverstanden, obwohl er müde war und Timon eigentlich von den Tavernen fern halten wollte.
Sie gingen am Circus Flaminius vorbei, in dem fast täglich Tausende von Römern ihre favorisierten Wagenlenker anfeuerten. Dann hallte die ganze Gegend wider vom Gepolter der Streitwagen und dem ekstatischen Gebrüll der Massen. Doch jetzt war es still, und die oval geformten Mauern erhoben sich wie riesige Schatten neben ihnen.
Als sie weitergingen, huschte zwischen den Bögen des Circus der Bote hervor und folgte ihnen, wobei er Karren, Pfeiler und Mauervorsprünge als Sichtschutz benutzte.
Sie überquerten den Tiber auf der Pons Agrippae und kamen in den vierzehnten Bezirk, das Transtiberim, das niemals schlief. Betrunkene rempelten sie an, Bettler streckten ihnen ihre hohlen, ausgezehrten Hände entgegen, Urin rann die Rillen des Pflasters entlang, und aus etlichen Häusern drang der
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