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Die schwarze Kathedrale

Die schwarze Kathedrale

Titel: Die schwarze Kathedrale Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charles Palliser
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aber niedriger und düsterer Raum mit nur einer einzigen trüben Lichtquelle. Die Wände waren mit dunklem Eichenholz vertäfelt, und ein langer Tisch, der fast durch die gesamte Länge des Raumes reichte, stand in der Mitte. Am Ende des Tisches, in der Nähe des Fensters, stand eine einzelne Kerze in einem Kerzenhalter, die zwar noch flackerte, aber fast niedergebrannt war. Ich sah aus dem Fenster und registrierte, daß die Kathedrale sich direkt vor uns erhob. In ihrer gewaltigen Größe blockierte sie die Sicht fast vollständig.
    Ganz am anderen Ende der Kathedrale konnte ich im Zwielicht einen Teil der Bibliothek ausmachen, die jenseits des Punktes, wo das Kapitelhaus in den Platz hineinragte, gerade noch zu erkennen war.
    »Der Eingang der Bibliothek liegt zu weit links, als daß man ihn sehen könnte. Das Kapitelhaus verdeckt ihn«, sagte der alte Herr, der sich neben mich gestellt hatte.
    Ich mußte zugeben, daß er recht hatte. Ich sah mich auf dem Domplatz um und stellte fest, daß ich eines von Austins oberen Fenstern erkennen konnte. Es mußte das Wohnzimmerfenster sein.
    In diesem Augenblick flackerte die Kerze und verlosch. Unser Gastgeber entzündete eine Gaslampe in einer Halterung an der Wand, und als das Licht aufflammte, fiel mein Blick auf ein Porträt, das nicht weit davon entfernt hing. Als er sah, daß ich es betrachtete, erklärte er: »Das ist mein Vater als junger Mann.«
    Der junge Mann auf dem Bild war im Stil der Zeit um die Jahrhundertwende gekleidet. Sein Gesicht war fein, fast feminin, und zeugte von seiner Vergnügungssucht. Aber gleichzeitig erinnerten die hochgezogenen Lippen, die die Zähne sehen ließen, an ein fauchendes Tier, das jeden bedroht, der sich ihm in den Weg stellt. Trotz des Altersunterschieds glaubte ich eine Ähnlichkeit zu meinem Gastgeber zu erkennen.
    »Er war ein schöner Mann«, sagte ich. »Jedenfalls hat er das Herz so mancher jungen Dame gebrochen«, erwiderte der alte Herr lachend. »Er hatte eine ausgesprochen wilde Jugend und brachte sich ständig in Schwierigkeiten. Er focht mehrere Duelle mit erbitterten Brüdern und Liebhabern aus und war nahe dran, sein Erbe vollständig zu verpulvern. Aber er ging gerade noch rechtzeitig in sich, machte eine gute Partie und betrieb dann die Bank seines Vaters. Leider starb er sehr jung – die Strafe für seine früheren Verfehlungen.«
    »Können Sie sich an ihn erinnern?«
    Er nickte. »Ich war noch sehr jung, als er starb, aber ich habe viele Erinnerungen an ihn. In seiner Gegenwart herrschte immer Fröhlichkeit. Solange er lebte war dieses Haus voll von geschäftigen Dienstboten und Musik und Gästen in schönen Kleidern. Es gab Lichter, Feste, Kartenspiel und Abendgesellschaften. Elegante Kutschen kamen ohne Unterlaß den ganzen Tag und bis spät in die Nacht hinein.«
    Er schüttelte den Kopf, und ich fragte mich, wie sein Leben, das mit soviel Gastlichkeit und Wärme begonnen hatte, sich so hatte verändern können, daß nichts geblieben war als ein einsamer alter Mann in einem großen, leeren Haus mit ein paar Erinnerungen und Geschichten aus der fernen Vergangenheit. Mir wurde plötzlich sehr kalt.
    Unser Gastgeber führte uns in die Wohnküche zurück und bat uns, wieder Platz zu nehmen. »Mein einziger Einwand ist damit beseitigt«, sagte ich verbindlich, »und ich muß zugeben, daß ihre Version vom Mord an dem Dekan sehr plausibel klingt.«
    »Ich weiß nicht, warum Sie dieses Wort benutzen«, entgegnete der alte Herr. »Freeth wurde nicht ermordet, er wurde hingerichtet. Sein Tod war notwendig, um den Tod vieler anderer zu verhindern.«
    »Es scheint mir nicht richtig, den Wert eines Menschenlebens so pragmatisch zu beurteilen«, widersprach ich und warf einen hilfesuchenden Blick zu Austin hinüber. Aber der schüttelte nur den Kopf und gab zu erkennen, daß er keine Meinung äußern wolle.
    »Das ist ein religiöser Standpunkt, der von absoluten moralischen Werten ausgeht«, entgegnete der alte Mann leidenschaftslos. »Ich hingegen stehe auf dem humanistischen Standpunkt, daß man die menschlichen Interessen gegeneinander abwägen muß und daß das Wohl der Mehrheit auch auf Kosten der Minderheit erkauft werden darf.«
    »Ich halte mich selbst auch für einen Humanisten«, antwortete ich verärgert. »Aber diesen Standpunkt weise ich voll und ganz zurück. Das menschliche Leben ist heilig.«
    »Heilig?« erwiderte der alte Herr spöttisch. »Sie benutzen dieses Wort und behaupten dennoch, ein Humanist

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